Nienke leidet an einer aggressiven Form von Mukoviszidose, an der sie sterben wird. Trotzdem versucht sie, für den Moment zu leben, alles aus dem Leben herauszuholen. Kobe, 15, ist extrem übergewichtig und muss 50 Kilo abnehmen. Beide lernen sich in einem Sanatorium kennen - und lieben. Die Dritte im Bunde ist Steffi, ebenso wie Kobe stark übergewichtig und Zimmergenossin von Nienke ...
Kobe: Ein dicker Junge, der mit seiner Mutter, die strikt gegen seine Beziehung mit einer Todgeweihten ist, nicht reden kann, sondern lieber isst.
Nienke: Eine spindeldürre Siebzehnjährige mit Mukoviszidose, deren liebevolle Architekten-Eltern alles in ihrer Macht stehende tun, um die Tochter bei ihrem größten Wunsch zu unterstützen: Ihren 20. Geburtstag noch zu erleben.
Und Steffi: Mutter und Bruder fett wie sie, die Schwester Bulimikerin, der Vater hat offene Beine – und alle leben von der Stütze. Wenn es ganz schlimm kommt, hört sie Heavy Metal.
Der Ort, an dem sich diese Teenager Treffen ist eine Heim-Klinik am Meer mit Einheitskleidung für alle Zöglinge und der Bezeichnung „Mama“ und „Papa“ für alle Therapeuten, Erzieher, Ernährungsberater, Psychologen und Krankengymnasten.
Das Muko-Mädchen muss aufgrund der zahllosen Tabletten, die es bekommt, für zwei essen (Müsli, Toast und Pfefferkuchen um acht, zwei Schinkenbrote und Sojadessert um zehn ...), die Adipösen müssen hungern.
Nienke ist beliebt, die anderen müssen sich ihren Platz in der zusammengewürfelten internationalen Gruppe erkämpfen – vor allem Steffi, die keinerlei Rückhalt hat.
Auch Kobe tut sich schwer: Den neuen Freund der Mutter mag er nicht wirklich, sein eigener Vater lebt nach dem Lustprinzip in den Tag hinein, kauft Beim besuch des Sohnes gedankenlos Pommes und Berliner und zeigt sich enttäuscht, wenn der Junge nicht mithält.
Doch sie alle wollen nicht aufgeben – Nienke hat sich an die fünfstündige Prozedur gewöhnt, mit der sie täglich über einen Schlauch ihre Lunge reinigen muss, hat ihrer Krankheit einen Namen gegeben, nennt sie „Cisse“, wie eine böse Schlange.
Kobe hat die Liebe zu seiner Freundin stark gemacht.
Und auch Steffi hat angefangen, sich nicht mehr für ihre Familie verantwortlich zu fühlen, sondern sich um sich selbst zu kümmern und sich auf eine Beziehung einzulassen.
„Nienke kann ihren Kampf nicht gewinnen, so sehr sie es auch möchte. Aber wer kann, hat keine Wahl, er muss.“ wird zum Leitspruch für die anderen.
Es gibt kein Happy End – und doch ist es eine unglaublich anrührende und auch Mut machende Liebesgeschichte, die die Antwerpenerin Gerda van Erkel hier vorlegt. Das Sanatorium, in dem die Story spielt, gibt es wirklich. Die Schriftstellerin und Psychotherapeutin hat dort geraume Zeit verbracht – was sich in der Authentizität niederschlägt, mit der die drei Ich-Erzähler ihren Tagesablauf beschreiben.
In der Schule – in der Übergewichtige, Magersüchtige und Mukoviszidose-Kranke gemeinsam unterrichtet und therapiert werden – geht es zu, wie in jedem Internat. Es bilden sich Cliquen, man spielt sich Streiche, einige haben Heimweh, andere verstoßen gegen die Regeln.
Man spürt, auch als Leser, die Achterbahn der Gefühle – die Scham, wenn andere Leute die Gruppe beim Spaziergang im Dorf anstarren, den Selbsthass, wenn die Waage wieder zwei Kilo mehr zeigt, die Aggressivität, wenn die strengen Regeln der Schule mit der emotionalen Verfassung eines ganz normalen Pubertisten kollidieren.
Aber über allem steht die zarte Liebe zwischen Nienke und Kobe, die allen Widrigkeiten zum Trotz wächst und gedeiht. So kostbar ist sie und so bedeutsam – und jedem ist klar, dass längst nicht alle Menschen, und lebten sie auch noch so lange, einen solchen Schatz ihr eigen nennen können.
Wie die Protagonisten im Angesicht des Todes miteinander umgehen – wie sie die Zähne zusammenbeißen und eine Stärke vorspiegeln, die sie längst nicht mehr besitzen und wie sie sich am Ende der Schwäche ergeben, das ist nicht nur zu Herzen gehend, sondern auch ungemein lehrreich.
Und regt mit Sicherheit zum Nachdenken an – über den eigenen Tod und/oder die Vergänglichkeit der anderen.
Ein wichtiges Buch, nicht nur für Jugendliche.
[mip]
Gerda van Erkel: Der salzige Kuss (Mijn zoute zoen)
Deutsch von Mirjam Pressler, Rowohlt Taschenbuch,
Hamburg, 2008, ISBN 978-3-499-21426-4, € 8,95.
ab 14 Jahre
