Feinfühlig sein und flexibel reagieren - Ehrenamtliche als Sterbebegleiter

Portraitbild Andrea Marghescu lächelnd Andrea Marghescu (*1965) ist gelernte Krankenschwester, ausgebildete Palliativfachkraft und arbeitet für den Christophorus Hospizverein im Landkreis Ebersberg. Mit der zweifachen Mutter sprachen wir über die Einbindung ehrenamtlicher Helfer in die Unterstützung Sterbender und ihrer Angehörigen.



Frau Marghescu, uns interessiert, wie alt die Ehrenamtlichen, die Hospizarbeit machen, typischerweise sind.

Im Kreis unserer Helfer sind zunächst einmal Menschen im mittleren Alter und älter – die haben ja auch mehr Zeit. Aber es gibt auch jüngere Leute, zwischen 30 und 40.


Ist ihr Einsatz eine Erleichterung für Sie?

Ehrenamtliche sind in der Hospizarbeit ganz wichtig und die Zusammenarbeit mit ihnen schätze ich sehr. Im Gegensatz zu Hauptamtlichen schenken sie freiwillig ihre Zeit, begleiten nicht nur den Kranken, sondern entlasten, allein schon durch ihr Da-sein, die Angehörigen.
In schwierigen Situationen im Leben, das haben wir ja alle schon erlebt, kommt es durchaus vor, dass Freunde und Bekannte wegbleiben. Wenn dann jemand von außen kommt, dann ist das schon ein gutes Gefühl.
Ganz wichtig ist dabei der Austausch – auch für mich. Mich interessiert dabei, wie die Ehrenamtlichen die Situation einschätzen oder bestimmte Dinge sehen. Denn manche Symptome haben auch etwas mit dem Familienhintergrund, den Ängsten zu tun. Dann ist es eine gute Sache, sich mit jemandem besprechen zu können, der die Familie auch kennt.


Werden die Ehrenamtlichen, die ja für die Familien in der Regel zunächst einmal Fremde sind, in allen Familien gleich herzlich willkommen geheißen?

Manchmal möchte die Familie keine „Fremden“ um sich haben, weil sie es sich gar nicht vorstellen können. Zuweilen steht auch der Gedanke im Vordergrund „Wir schaffen es alleine.“ Da ist es manchmal auch für mich schwierig, einen Zugang zu finden. Und dann gibt es jene Familien, die einfach niemanden brauchen, weil es genügend Angehörige und Freunde gibt, die tatsächlich mithelfen.
Generell wäre es aber sicher nicht verkehrt, wenn die Menschen umdenken und leichter Hilfe von außen annehmen würden.


Spielt da die Mentalität eine Rolle? Ich meine, wir sind ja hier im ländlichen Oberbayern ...

Definitiv nicht. Neulich war ich bei einer Fortbildungsveranstaltung in Hamburg. Dort erzählten mir Kollegen von genau denselben Problemen.
Es ist wohl so, dass Themen wie „Tod, schwer krank sein, alt werden ...“ überall ein Tabu darstellen, überall … na ja, im Grunde als nicht gesellschaftsfähig empfunden werden.


Umso löblicher, dass die Ehrenamtlichen solche Vorbehalte nicht haben. Lassen Sie uns jetzt aber einmal über die Hospizhelferausbildung reden – haben Sie das Gefühl, dass diese Menschen, die ja nicht alle aus pflegerischen Berufen kommen, gut vorbereitet sind?

Aus Zeitgründen habe ich persönlich nicht so sehr viel mit Ehrenamtlichen zu tun. Aber ich glaube schon, dass sie gut vorbereitet sind. Was in jedem Fall ganz wichtig ist, ist die Supervision und sich immer wieder selbst zu hinterfragen. Und dass die Helfer im Hospizverein eine kontinuierliche Anlaufstelle haben.


Gibt es etwas, das Angehörige ihrerseits tun können, um die Zusammenarbeit mit den Ehrenamtlichen zu erleichtern?

Es ist so, dass die Ehrenamtlichen und auch ich zur Entlastung in die Familien gehenUnd ich glaube nicht, dass man als Außenstehender von Angehörigen rationale Verhaltensweisen erwarten darf.
Die sind so, wie sie sind – und außerdem in einer Extremsituation. Wenn sie Hilfe wünschen, können sie diese in Anspruch nehmen - wenn nicht, dann nicht.
Ich erlebe Angehörige oft selbst hilflos und in Schwierigkeiten. Und sie durchleben ähnliche Phasen wie der Betroffene selbst auch – vielleicht etwas zeitverzögert.
Manchmal klappt es sehr gut, manchmal nicht. Manchmal rauft man sich auch erst nach einem längeren Zeitraum zusammen..


Wenn Sie sagen, dass Angehörige ähnliche Phasen wie die Kranken selbst durchleben, was kann man dann für sie konkret tun?

Reden. Als Ansprechpartner da sein. Ihnen vermitteln, dass sie sich auch einmal fallen lassen dürfen.


Inwieweit sollen sich Ehrenamtliche überhaupt um die Angehörigen kümmern? Die Hospizarbeit sieht ja vor, dass der Fokus in erster Linie auf dem Sterbenden liegt.

Das ist von Fall zu Fall sehr verschieden. Eigentlich ist es egal, über welchen Kanal die Hilfe zum Patienten kommt. Wenn ein Angehöriger Unterstützung braucht, dann ist man für den Angehörigen da. Und wenn man ihm hilft, dann kommt das letztendlich ja auch den Betroffenen zugute. Meist ist es auch so, dass es wechselt – mal geht es dem einen besser, mal dem anderen. Man muss hier sehr feinfühlig sein und flexibel reagieren.


Gibt es eine Möglichkeit, den Hospizhelfern dabei behilflich zu sein, ihren „Job“ gut zu machen?

Sicher ist es auch für die Ehrenamtlichen ein kontinuierliches Lernen. In meinen Augen ist das Allerwichtigste der Austausch. Und man sollte versuchen, in den Familien die eigene Persönlichkeit ein bisschen außen vor zu lassen. Das gelingt natürlich nicht immer, klar. Aber man sollte nie aus dem Blick verlieren: Was wir uns in einer ähnlichen Situation wünschen würden, muss nicht mit den Wünschen Dritter übereinstimmen. Und mit der Zeit entwickelt man auch ein Gespür für die richtigen Worte oder den Zeitpunkt, einfach still zu sein. Für mich kann ich sagen: Wenn ich keinen Impuls habe, etwas zu sagen, dann lasse ich es. Sonst kommt etwas komisch Künstliches auf. Dann lieber auch mal Schweigen aushalten. Oder es in Worte kleiden: „Ich weiß jetzt gar nicht, was ich sagen soll.“ Ehrlichkeit bringt uns gerade in dieser Situation einander näher.


Gibt es auch Ehrenamtliche, die feststellen, dass es ihnen zu schwer wird, dass sie sich alles anders vorgestellt haben und es jetzt nicht packen?

Ja, das gibt es auch. Oder Leute merken, dass sie eine Auszeit brauchen. Es ist auch besser, sich in einem solchen Moment zurückzuziehen, als krampfhaft weiterzumachen. Denn dann kann man nicht mehr gut arbeiten.

[mic]

31. März 2008 um 05:39 Uhr