Die Ärzte machen der 16-jährigen Tessa wenig Hoffnung. Der lange Kampf gegen die Leukämie scheint verloren. Doch bevor sie stirbt, will sie leben. Auf einer Liste notiert sie zehn Dinge, die sie tun will. Nummer eins ist Sex. Gleich heute Abend. Aber es ist nicht immer so einfach zu bekommen, was man will. Und Tessa macht es weder sich noch ihrer Familie leicht.
Als plötzlich Adam in ihr Leben tritt, wird vieles anders. Wie geht man miteinander um, wenn der Tod immer dabei ist? Und darf man Liebe einfordern, wenn man stirbt?
Tessa tut es.
3.15 bis 3.19: Sex.
Das erste Mal im Leben.
Mit einem bis dahin wildfremden Jungen.
Der Himmels ist dabei nicht untergegangen, aber es war irgendwie schon okay –Tessa Scott ist sich nicht sicher, ob sie glücklich ist. Was sie jedoch weiß: Der erste Punkt ist erledigt. Der erste Punkt der Liste jener Dinge, die das Mädchen vor seinem Tod noch erlebt haben möchte.
Vier Jahre ist es schon her, dass ihre Mutter die Familie verließ – und fast vier Jahre lebt die jetzt 16jährige schon mit einer Diagnose, die den stärksten Mann umhauen würde: Leukämie. Vier Jahre mit Hoffen und Bangen und einem Alltag, der alles andere als alltäglich ist: Immer wieder Krankenhausaufenthalte, immer wieder grauenvolle Schmerzen (etwa bei der Lumbalpunktion), immer wieder der Versuch, sich so gut als möglich wegzubeamen, gedanklich auszuklinken.
Das Sterben geht nicht schnell – es ist angekündigt. Für den allein erziehenden Vater, den kleinen Bruder, die Mutter, die anderswo wohnt ist das genauso schlimm wie für Tessa, die im Bett liegt und nie wieder aufstehen möchte. So oft haben alle schon das Internet leergelesen und immer wieder gegen jede Vernunft gehofft, neue Erkenntnisse zu finden – und nun ist klar, dass alles nichts hilft.
Wut mischt sich mit Trauer, Tessa begehrt auf, will sich nicht zusammenreißen, nicht mehr positiv denken, nicht in die Schule zurückkehren, um dort Leute kennenzulernen, die dann bei ihrer Beerdigung betroffen sein können.
Aber dann trifft sie Adam und macht mit ihrem alten Leben und dem Leiden Schluss. Ohne Skrupel verbrennt sie ihre Tagebücher, die Karten mit Genesungswünschen und die Fotos von früher. Zutiefst berührt begleitet der Leser die Ich-Erzählerin durch die 46 Kapitel dieses gleichzeitig unendlich traurigen und dann doch wieder gnadenlos komischen und frechen Buches.
Wie schwer muss es sein, sich hauptsächlich an Orten aufzuhalten, an denen es von anderen Todkranken wimmelt? Man freundet sich an und dann sterben sie einfach weg? Wie erdrückend muss er sein, der Gedanken an all die „niemals“... – studieren, Auto fahren, den Bruder aufwachsen sehen, ein Haus, eine Familie, Kinder, einen Beruf haben ... alles bleibt ihr verwehrt.
Doch der Teenager lässt sich nicht erdrücken und tut die aberwitzigsten Dinge, auf die man erst einmal kommen muss: Einen Tag zu allem „ja“ sagen – egal, ob man Lust dazu hat und wie absurd das Verlangte auch sein mag. Drogen nehmen, Gesetze brechen, alte Erinnerungen wieder aufleben lassen, an neue Orte fahren, mit der besten Freundin streiten… Wäre die Situation keine so tragische, man könnte sich ausschütten vor Lachen über das, was Tessa tut, die ja keine Angst mehr vor den Konsequenzen haben muss.
„Das Leben ist eine Abfolge einzelner Momente, aus denen sich die Reise ans Ende zusammensetzt.“, und an eben diesen Augenblicken darf der Leser teilnehmen.
Ebenso wie an den Begegnungen mit den Menschen, die Tessa am wichtigsten sind.
Der Vater, der alles für sein kleines Mädchen getan, seine Arbeit, seine Freunde aufgegeben, stundenlang in Krankenhäusern herumgesessen und sich mit ungeliebten Sportarten beschäftigt hat, nur für sie. Cal, der bis zuletzt Normalität ins Leben seiner großen Schwester bringt und es scheiße findet, dass sie sterben muss. Die Mutter, die während der gesamten Krankheit nicht präsent war, keine einzige Untersuchung miterlebt hat und doch, als es wirklich darauf ankommt, helfend zur Seite steht. Und Adam, dessen Liebe so unendlich groß ist und echt, dass sie für mehr als ein Menschenleben reicht. So tief sind seine Gefühle, so überwältigend ist das, was er tut, dass man schon beim Lesen nur noch weinen möchte und Sehnsucht empfindet, selbst einmal so etwas erleben zu dürfen.
Ein Buch, das unter die Haut geht.
Und den Leser mitten ins Mark trifft.
[mic]
Jenny Downham: Bevor ich sterbe (Before I die), Aus dem Englischen von Astrid Arz,
C. Bertelsmann gebunden, München 2008, ISBN 978-3-570-01004-4, 320 Seiten, € 17,95, ab 16 Jahren
Nächster Eintrag: Vier Pfoten am Himmel (Annette Langen, Antje Bohnstedt , Kinder ab 5)
Vorheriger Eintrag: Ente, Tod und Tulpe (Wolf Erlbruch), ab 5 Jahren
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