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Cadaver Cam und Sterben in Museen - Grenzen setzen oder Grenzen aufweichen?

Die Welt berichtet ausführlich darüber: Der Installationskünstler Gregor Schneider (*1969 in Mönchengladbach) sucht Kandidaten, die in einer Ausstellung eines natürlichen Todes sterben möchten. Die Netzeitung hingegen fragt sich, ob nicht vielleicht schon die Diskussion über das Projekt selbst das “Projekt” sei und der Spiegel zitiert, den Künstler erreichten Mordddrohungen, während der tagesspiegel mitteilt, Schneider sei entsetzt über die negativen Rückmeldungen auf sein Projekt. In einer Pressemitteilung vom 23.04.2008 nimmt Dr. Karin Gering vom Kuratorium Deutsche Bestattungskultur e.V. zu der Diskussion rund um Schneiders Ausstellungsidee Stellung:


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Sterben als Event?

Die Provokation des Künstlers Gregor Schneider ist gelungen. Seine Idee, einen Sterbenden öffentlich in einem Museum auszustellen, hat dezidierte Stellungnahmen provoziert. Die eindeutige Zurückweisung dieses Vorschlags zeigt, dass der moralisch-ethische Zustand unserer Gesellschaft im Ernstfall noch trägt.

Worum es dem Künstler geht

Nach eigenen Aussagen will Schneider das Thema Tod enttabuisieren, auf Missstände auf Intensivstationen aufmerksam machen, einen würdevollen Ort des Sterbens schaffen und die „Schönheit des Todes“ zeigen – in einem Museum. Auf Missstände aufmerksam zu machen, ist berechtigt. Auf Missstände zu reagieren, ist ehrenwert. Doch muss man sich fragen, ob hier die richtigen Mittel eingesetzt werden. Die Idee, angemessene Orte des Sterbens zu schaffen, ist weder neu noch provokativ. Sie reicht bis ins Mittelalter zurück und hat im 20. Jahrhundert zur Hospizbewegung geführt. Wer als Künstler angemessene Räume für Sterbende schaffen möchte, sollte deshalb mit den Mitteln der Kunst so viel Geld wie möglich sammeln, um die Hospize in Deutschland zu unterstützen. Wenn Gregor Schneider sein Anliegen ernst ist, wäre das ein Weg, der nicht in der Provokation stecken bliebe.

Kunst und Tod

Die Kunst setzt sich seit ihrem Bestehen mit dem Tod auseinander: von der Darstellung der Grablegung Christi über mittelalterliche Totentänze oder barocke Memento-mori-Stillleben bis zur Fotoausstellung „Noch mal leben vor dem Tod“. Allerdings stellt sich die Frage, ob sich das Sterben für Performance-Kunst eignet, bei der es nicht um die mediale Auseinandersetzung mit dem Thema geht, sondern darum, einen Sterbenden den neugierigen Blicken Fremder in der Stunde des Übergangs auszusetzen.

Wer das Tibetische Totenbuch gelesen hat, ahnt, dass Sterben eine letzte innerweltliche Erfahrungsdimension bereithält, die sich dem Alltagsgeschehen entzieht. Niemand weiß, welchen Erfahrungen er in der Sterbestunde ausgesetzt sein wird, da es sich wie bei der Geburt um ein einmaliges, nicht wiederholbares Ereignis handelt. Wer sich vorstellen kann, sich zum Ausstellungsstück in seiner Sterbestunde bereitzuerklären, sollte sich zuvor mit der „Ars bene moriendi“ – der Kunst des guten Sterbens beschäftigen, um auch zu wissen, was er sich antut.

Ist Würde mehr als ein Wort?

Die Würde des Menschen ist unantastbar, insbesondere am Anfang und am Ende des Lebens, wenn der Mensch sich nicht mit eigenen körperlichen und geistigen Kräften gegen das, was ihm widerfährt, zur Wehr setzen kann. Geburt und Tod widerfahren uns. Entsprechende Tabus hatten über Jahrhunderte eine fundamentale gesellschaftliche Schutzfunktion. Private, intime Dinge wie Geburt und Tod wurden nicht öffentlich ausgestellt. Wer meint, alle Tabus abschaffen zu können, schafft eine würdelose Gesellschaft. Wer meint, Privatsphäre und Öffentlichkeit nicht voneinander trennen zu müssen, verliert den Sinn für zentrale Erfahrungs- und Bedeutungsdimensionen, für die Kunst sensibilisieren sollte, die Kunst aber nicht abschaffen sollte. Wer meint, dem Geheimnis Leben mit der Ausstellung eines Sterbenden begegnen zu müssen, ignoriert die seelisch-metaphysische Dimension, die zumindest die letzten beiden Jahrtausende über unser Menschenbild bestimmt hat.

Wo ist der Skandal?

Die Idee Gregor Schneiders ist provokativ, aber kein Skandal. Der Skandal wäre, wenn solche Ideen keine Reaktionen der Auseinandersetzung, des Widerspruchs oder auch der Empörung auslösen würden. Skandalös wäre, wenn sich Museumsdirektoren bereit erklärten, öffentliche Räume der Kunst zu solch voyeuristischen Zwecken zur Verfügung zu stellen. Der Vorschlag allein zeigt, dass hier jemandem den Sinn für die über Jahrhunderte tragende Unterscheidung zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit verloren hat.

Ernst oder Spiel?

Ist es dem Künstler überhaupt ernst mit seinem Anliegen? Oder wird hier nur eines der letzten Tabuthemen für Zwecke medialer Aufmerksamkeit funktionalisiert? Es wäre interessant zu wissen, ob Gregor Schneider bereit wäre, das Sterben seiner Eltern oder eines ihm sehr nah stehenden Menschen zu begleiten, um diese Schönheit zu feiern.

Der Befund stimmt

Gregor Schneider hat Recht mit seinem Befund, dass in einer Zeit, in der die Hälfte der Menschen in Alten- und Pflegeheimen oder Krankenhäusern stirbt und nicht im Kreis der Familie, viele Menschen den Tod primär über die Medien vermittelt erleben. Doch wer wäre bereit und in der Lage, Sterbende über einen längeren Zeitraum zu pflegen und Sterbebegleitung zu leisten? Hospizmitarbeiter, Ärzte, Krankenschwestern, Seelsorger und auch Bestatter widmen sich diesem Werk der Barmherzigkeit.

Gefährliche Folgen

Die Bedeutung solcher Experimente sollte nicht unterschätzt werden. In England wurden im Jahr 2004 vom Londoner Science Museum Freiwillige gesucht, die sich für eine öffentliche Verwesung zur Verfügung stellen wollten, um sich vor laufender Kamera von Maden zerfressen zu lassen. Inzwischen gibt es in Amerika bereits eine „Cadaver Cam“, mit der der Verwesungsprozess im Sarg verfolgt werden kann. Ob man der metaphysischen Dimension von Leben und Tod mit solch materialistischer Aktionskunst angemessen begegnen kann, ist mehr als zweifelhaft.

Spiel mit der Empörung

Mit der Geburt eines Menschen feiern wir ein freudiges Ereignis, beim Tod eines Menschen trauern wir um den Verlust. Verlust ist für die meisten Menschen mit Schmerz verbunden. Wenn Schneider dazu auffordert, anstelle einer Trauerfeier ein Fest zu feiern, wird deutlich, dass nicht nur Traditionen und Rituale unserer Zeit zur Disposition gestellt werden, sondern sich auch die damit verbundenen menschlichen Bindungen auflösen.

Das Spiel mit der Empörung der Menschen ist Schneider gelungen. Es ist ein gutes Zeichen für den moralisch-ethischen Zustand unserer Zeit, dass sich noch Stimmen dezidiert gegen ein solches Ansinnen aussprechen. Denn nichts wäre schlimmer als Gleichgültigkeit.
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[manu]

25. April 2008 um 10:10 Uhr | Druckversion
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