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Die unendliche Familie – Ahnenverehrung in der chinesischen Tradition

Eine Steinstatue des KonfuziusErde, Himmel und Lebewesen bildeten für die altchinesische Ansicht von der Welt eine umfassende Einheit. Menschen nahmen eine weitaus weniger bedeutende Stellung in diesem Universum ein als in der westlichen Philosophie.

Die Geisterwelt der Bronzezeit (ca. 1500-600 v.Chr.)
Die religiösen Vorstellungen des Alten China sind nicht einfach zu überblicken. Ihre Ursprünge liegen in der schriftlosen Vorgeschichte, über deren Glauben man nur spekulieren kann. Wahrscheinlich ist, dass sich, analog zu anderen Religionen, zunächst animistische Ideen entwickelten: In der gesamten Umwelt wirkten unsichtbare, aber mächtige Kräfte auf das Leben der Menschen ein.
Diesen Kräften wurde in der Bronzezeit Persönlichkeit verliehen: so sollte etwa ein Berg, an dessen Fuß eine Siedlung lag, die Macht haben, sie zu schützen. Ihm wurde ein Name gegeben, und er wurde als Geist verehrt. Die Kommunikation mit der Welt der Geister war zunächst Aufgabe der Schamaninnen (anders als in anderen Gebieten mit schamanistischer Tradition war in China diese Aufgabe meist Frauensache). Zu ihnen ging man zum Beispiel, um Rat einzuholen oder Krankheiten heilen zu lassen. Sie begaben sich in Trance, um mit den Geistern Kontakt aufzunehmen, sie zu besänftigen oder Bitten zu äußern.
Neben den personifizierten Naturkräften spielten auch die Ahnen der Lebenden eine bedeutende Rolle. Kein Mensch stand für sich allein, sondern alle waren Teil einer unendlichen Kette, die sich von der Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft erstreckte. Besonders den Ahnen der Herrscher wurde göttergleiche Macht zugestanden. Ihr Einfluss betraf nicht nur die Herrscherfamilie sondern den ganzen Staat.
Zum respektvollen Umgang mit der Welt der Naturgeister und Ahnen gehörten auch Tier- und selbst Menschenopfer. Man hoffte, sie dadurch milde zu stimmen und ihre Unterstützung für wichtige Vorhaben, wie Reisen, die Ernte, aber auch den Krieg, zu erlangen.

Die klassischen Lehren (ca. 600 v. Chr. – 220 n. Chr.)
Im sogenannten „Zeitalter der kämpfenden Reiche“, im fünften bis dritten Jahrhundert v. Chr. war die Macht der späten Zhou-Dynastie fast völlig geschwunden. Lokale Fürsten erhoben sich zu Königen und zogen gegen ihre Nachbarn in den Krieg. In diesem umfassenden Chaos bildeten sich aber Lehren, die für das gesamte spätere Geistesleben Chinas bedeutsam waren.
Der bekannteste Vertreter dieser Lehren ist K’ung-tzû, der im Westen meist latinisiert als „Konfuzius“ bezeichnet wird. Er lebte an der Wende vom sechsten zum fünften Jahrhundert v. Chr. und war einer der vielen Weisen und Berater jener Zeit, die verschiedene Fürstenhöfe bereisten. Konfuzius war kein Religionsstifter, sondern eher ein Sammler alter Riten und Traditionen, zu deren Einhaltung er mahnte.
Für die Lehren des Konfuzius ist der Begriff des „Li“ zentral. „Li“ bedeutet „Sitte“ oder „Verhaltensregel“, auch im Sinne des Rituals oder der Ordnung an sich. Teil des Li sind auch unzählige Vorschriften und Riten, die mit Bestattung und Trauer zu tun haben.
Die konfuzianischen Vorgaben für den Umgang der Lebenden mit den Ahnen sind ein Abbild jener für den Umgang der Lebenden miteinander. Die selbe Ehrerbietung, die Söhne ihren Vätern und Untertanen ihren Herrschern entgegenbringen sollten, wird auch den Verstorbenen geschuldet.
Die andere zentrale Lehre, die sich in klassischer Zeit herausbildete, ist als „Taoismus“ bekannt. Sie fußt auf verschiedenen Lehrsammlungen, wie dem „Tao te king“, als dessen Verfasser der Philosoph Laotse gilt. (Die historische Existenz dieses Lehrers gilt heute als zweifelhaft.)
Kern dieser Lehre ist das „Tao“ oder „Dao“, ein Prinzip, das dem Universum zu Grunde liegen und alles darin regeln soll. Dieses Prinzip kann man aber weder erklären noch ganz verstehen. Es bringt die Schöpfung mit all ihren Facetten hervor.
Anders als beim Konfuzianismus gilt es weniger, die Vorschriften des Zusammenlebens zu beachten, als vielmehr durch Beobachtung der Umwelt deren Funktion und ständigen Wandel zu erkennen.
Der Taoismus schöpft aus so vielen und so unterschiedlichen Quellen, dass es fast unmöglich ist, ihn als Weltanschauung wirklich dingfest zu machen. Er bedient sich unzähliger alter Volksüberlieferungen als Beispiele für das Wirken des Tao. Zahllose Götter, Geister und Naturkräfte haben ebenso Platz, wie die Vorstellung von den beiden Urprinzipien Yin und Yang, die Elementlehre, die Weissagungen des „I Ching“ („Buch der Wandlungen“) und auch buddhistische Ideen.

Tradition bis heute
Eine Bestattung in traditioneller chinesischer Form kann viele Facetten haben. Meist werden die Verstorbenen zunächst einige Tage lang öffentlich aufgebahrt, so dass die Gemeinde ihrer gedenken kann. Kränze als Trauerbezeugung sind allgemein üblich – eine Sitte, die aus dem Westen übernommen ist.
Beim Zug der Trauergemeinde zur eigentlichen Bestattung werden oft Papierlaternen mit den Namen der Verstorbenen getragen. Auch andere papierene Gegenstände können mitgeführt werden; kunstvolle Tier- oder Menschengestalten aber auch Häuser werden schon seit langer Zeit bei der Bestattung verbrannt. Sie ersetzen die alten Opfergaben.
Heute ist die Sitte des „Totengeldes“ weit verbreitet: eigens für die Verbrennung bei der Bestattung wird Geld auf Reispapier gedruckt. Auch hier handelt es sich um eine Analogie zu den Opfern, mit deren Hilfe man sich die Ahnen und Geister gewogen machen wollte.
Auch nach der Bestattung gehört es zu den Aufgaben der Hinterbliebenen, den Ahnen Ehre zu erweisen, Opfergaben darzubringen und ihrer zu gedenken. Die Toten sind untrennbar mit den Lebenden verbunden – also ist es nur folgerichtig, dass bei allen großen Festen Ahnenopfer abgehalten, oder zumindest die Grabstätten besucht und gepflegt werden.
Eine zentrale Stelle in der Ahnenverehrung nehmen Ahnenaltar und Ahnenhalle ein. Die Ahnenhalle einer Familie oder eines Dorfes ist der Ort, an dem alle wichtigen Entscheidungen – sozusagen im Beisein der Ahnen – getroffen werden. Zumindest ein Ahnenaltar sollte aber im Haus vorhanden sein, an dem man der Ahnen gedenken, sich von ihnen Rat holen, oder sie um Erlaubnis für wichtige Vorhaben, wie etwa Hochzeiten, bitten kann.
In Teilen haben sich diese Traditionen bis heute erhalten, wenn auch meist nur in Form von Bildern der Verstorbenen auf einem Ehrenplatz – ähnlich, wie man im Westen das Fotos eines verstorbenen Verwandten auf einen Ehrenplatz im Wohnzimmer stellt.
Die Vorfahren gehören immer noch zur Familie. Sie haben Teil am Leben, indem sie nach ihrem Tod als helfende und schützende Geister oder als Verderben bringende Dämonen darauf einwirken.
Wie dieses Einwirken der Ahnen aussieht, liegt hauptsächlich in der Verantwortung der Lebenden. Ein Verstorbener, der eine prächtige Bestattung unter genauer Beachtung der Riten erhält, wird eher günstigen Einfluss ausüben; mangelnde Achtung und Ehrerbietung können schlimme Konsequenzen haben. Wenn man seine Ahnen allerdings behandelt, als würden sie noch leben, lassen sie einem Rat und Hilfe zukommen.
[manu], Bild von tina8226, pixelio

02. Juni 2008 um 11:15 Uhr | Druckversion
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