Wir können dem Leben keine Tage hinzufügen
- wohl aber den verbleibenden Tagen Leben
Leid lindern und Wohlergehen fördern – ein Hospiz ist weniger ein Ort, als vielmehr eine Lebenshaltung. Haupt- und Ehrenamtliche betreuen gemeinsam respekt- und würdevoll schwerstkranke und sterbende Menschen und ihre Angehörigen. Entweder ambulant, also bei den Kranken zuhause, oder stationär auf Palliativstationen, also in Krankenhäusern oder Pflegeheimen und Hospizen. Im Zentrum: Die Vermittlung von Annahme und Geborgenheit.
Jahrhunderte liegen zwischen der Einrichtung erster mittelalterlicher „Hospizios“, jenen meist kirchlichen oder klösterlichen Herberge für Pilger, in der auch Kranke oder Sterbende eine letzte Zuflucht fanden, und dem Wiedererwachen des Gedankens der Sterbebegleitung in der heutigen Hospizbewegung. Im Jahr 1967 leistete die Britin Cicely Saunders Pionierarbeit, als sie mit der Gründung des St. Christopher’s Hospice in Sydenham, London, ihre Gedanken vom würdevollen Sterben in liebevoller Umgebung verwirklichte. Saunders Vision: Sie sind bis zum letzten Augenblick Ihres Lebens wichtig. Und wir werden alles tun, damit Sie nicht nur in Frieden sterben, sondern auch bis zuletzt leben.
Fast 50 Jahre alt musste die Sozialarbeiterin, Krankenschwester und spätere Ärztin werden, ehe sie den Visionen Taten folgen lassen konnte – und zuvor jahrelang in Häusern arbeiten, die den Todkranken zwar Platz, aber weder eine effektive Schmerzlinderung noch Respekt boten.
Hospize heute
Heute werden in dem ersten von Englands etwa 220 Hospizen jährlich um die 2.000 Patienten komplett kostenlos betreut. Das dazu notwendige Geld, etwa 12 Millionen Pfund, kommt zu einem Drittel vom Staat, der Rest finanziert sich aus Spenden.
Die Amerikaner mussten bis 1974 warten, bis ein erstes (ambulantes) Hospiz in ihrem Land seine Pforten öffnete – Elisabeth Kübler-Ross gilt hier als Vorreiterin. Ihrem Engagement ist die rasche Ausbreitung des Gedankens von begleitetem Sterben maßgeblich zu verdanken.
In Deutschland dauerte es noch länger, bis sich dieses Konzept etablieren konnte. Den Anfang machte die Uniklinik Köln, die 1983 erstmalig eine Palliativstation, also eine Hospizstation in einem Krankenhaus, eröffnete. Ein Jahr später entstand in Hannover der erste deutsche Ambulante Hospizdienst und 1986 in Aachen das erste stationäre Hospiz. Mit seinen 50 Betten orientierte es sich zwar eng am Londoner St. Christopher’s, doch konnte sich dieses Modell nicht durchsetzen. Stattdessen folgten die in späteren Jahren erbauten Einrichtungen am 1987 gegründeten Recklinghausener Vorbild, bei dem eine 9-Betten-Station in einem Wohnhaus untergebracht war. So ist es bis heute geblieben - 16 Betten gelten typischerweise als Obergrenze eines Hospizes.
Ein weiter Weg
Die Krux war von Anfang an die Finanzierung. Erst als auf massiven Druck der Öffentlichkeit hin wurden gesetzliche Grundlagen geschaffen und sorgten Rahmenvereinbarungen zwischen Krankenkassen und Hospizträgern dafür, dass erst stationäre Häuser (1999) und später auch ambulante Dienste (2001) eine Basisförderung und Bezuschussung für die Begleitung Sterbender erhielten.
Heute, so der Wegweiser Hospiz- und Palliativmedizin 2006/2007, sind aus den 30 Hospizen und 28 Palliativstationen von 1996 151 stationäre Häuser und 139 Stationen in Hospitälern geworden. Rund 80.000 Ehrenamtliche sind darüber hinaus in 1450 ambulanten Hospizdiensten tätig, so der DHPV, der deutsche Hospiz- und Palliativverband, der als politische Vertretung der Bewegung mit Kassen und Gesetzgeber verhandelt.
Individuell und eigenständig
Obschon Hospizeinrichtungen sich untereinander austauschen und der Qualitätsanspruch allen gemeinsames Anliegen ist, arbeitet jede Einrichtung und jeder Hospizverein eigenständig; eine Vereinheitlichung „des“ Hospizwesens lehnen die beteiligten ab.
So gibt es auf der einen Seite große Vereine wie zum Beispiel den 1985 gegründeten Münchner Christophorus Hospiz Verein e.V. mit seinen Ende 2006 mehr als 2.000 Mitgliedern, der von kirchlichen Verbänden, der Stadt München, Krankenkassen, sowie Erbschaften, Legaten und Stiftungen getragen wird. Der Verein bietet nicht nur Hospiz- und Palliativberatungsdienst, Christophorus Hospiz und Trauerbegleitung, sondern auch ein breit gefächertes Bildungsangebot. An der Christophorus-Akademie können sich Fachkräfte aus Medizin, Pflege, psychosomatischen Arbeitsfeldern und Seelsorge weiterbilden.
Auf der anderen Seite existieren auch sehr kleine Initiativen, die ausschließlich ehrenamtlich arbeiten.
Durch Christophorus verbunden
Für Uneingeweihte ist es verwirrend, dass einige Organisationen zwar ganz unterschiedliche Träger haben, aber doch ähnliche Namen tragen. Der Grund; Oft zollen diese Organisationen mit ihrer Namenswahl der „Mutter aller modernen Hospize“ Respekt und signalisieren dabei ihre Verbundenheit: dem englischen St. Christopher’s. Hinzu kommt, dass Nothelfer Christophorus auch als Helfer gegen einen unvorbereiteten Tod verehrt wird. Kurz: Christophorus oder Christofer sind bereits eingeführte und zudem nicht geschützte Namen, und werden als solche gern auch von neuen Hospizanbietern oft gewählt.
Ihnen allen gemein ist der Leitspruch: “Wir können dem Leben keine Tage hinzufügen - wohl aber den verbleibenden Tagen Leben.” Das hat sich auch die Innere Mission München mit ihrem Hospizprojekt auf die Fahne geschrieben. Lebensqualität bis zum Schluss sollen die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen erfahren, Wohl und Würde auch in den letzten Tagen und Stunden ihres Lebens.
Sterben – Wunsch und Wirklichkeit
Rund 820.000 Todesfälle gab es im Jahr 2006 in Deutschland. Knapp 50% von ihnen und somit rund 393.500 Menschen beendeten ihr Leben in einem Krankenhaus. Über die genaue Anzahl der in Alters- und Pflegeheimen verstorbenen Menschen kann darüber hinaus nur spekuliert werden; Ein genaues Sterberegister, das auch den Sterbeort erfasst, ist erst im Aufbau.
Schätzungen zur Folge sind es zusätzlich 30%, die in Alters- und Pflegeheimen sterben – und nur rund 15%, die zu Hause Abschied nehmen können. Eine verschwindend geringe Zahl, bedenkt man, dass sich Umfragen zufolge zwischen 80% und 95% der Bundesbürger einen Tod in vertrauter Umgebung und Gesellschaft wünschen. Doch einen Sterbenden zu begleiten, ist nicht leicht, und das liegt sicherlich nicht nur an der psychischen Belastung, die das stete Hoffen und Bangen und der drohnende Verlust eines geliebten Menschen – und zugleich die allzu oft aus Überforderung geborene Wut - mit sich bringt. Das Sterben ist in unserer Gesellschaft zur Randerscheinung geworden. Der Arbeitsmarkt lässt schon kaum Raum für Familien – und Sterbende und ihre Bedürfnisse und die der Menschen, die sie begleiten, finden hier erst recht keine Berücksichtigung.
Hospize als Alternative
Wo das Sterben daheim nicht möglich ist, wollen heutige Hospize ein Ersatz-Zuhause für Sterbende und ihre Angehörigen sein.
Egal, wie groß oder klein diese Häuser sind und wo in Deutschland sie sich befinden: Sie alle eint die Überzeugung, dass Sterben ein Teil des Lebens ist – ein Vorgang, der weder verkürzt, noch verlängert werden soll. Und der feste Glaube, dass mit Hilfe der Palliativmedizin niemand in seinen letzten Wochen, Tagen oder Stunden Schmerzen erleiden muss.
Ganz gleich, ob bei der engen Zusammenarbeit von Fachpersonal -Ärzten, Krankenschwestern, Pflegern, Sozialpädagogen, Therapeuten und Seelsorgern - oder dem Engagement der gut ausgebildeten Ehrenamtlichen: Hospize handeln neben der Sorge für die Angehörigen zum Wohl des Kranken: Er allein und sein Wohlergehen stehen im Mittelpunkt.
Noch ist das Sterben in Hospizen für viele nicht möglich – die Bewegung ist noch nicht flächendeckend bekannt, und es gibt bereits jetzt nicht genügend Plätze. Aber auch, wenn das Sterben in Ruhe und Würde für Viele ein Traum bleiben wird, so ist er doch bereits für Etliche Realität.
Das ist deutlich mehr als nur ein guter Anfang.
[mic]
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