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Orangen für Opa (Natali Fortier, Francoise Legendre, ab 4 Jahren)

Jeden Morgen wird Petra von ihrem Opa auf besondere Weise geweckt. Schon in der Frühe hat er eine besonders schöne Orange für Petra ausgesucht. Er schält sie, zerteilt sie in Stücke und setzt sich zu ihr ans Bett. Und erst nachdem sie diesen “Bissen von der Sonne” genommen hat, steht sie auf.
Der Großvater begleitet sie ein Stück zur Schule und erwartet sie am Nachmittag auf dem kleinen Platz, im Schatten eines Olivenbaums. Jeden Tag. Doch eines Tages sitzt er nicht wie gewohnt auf der Bank. Er ist sehr krank. Und jetzt ist es Petra, die ihm ein Stück von den zuckersüßen und duftenden Orangen gibt.

Die Geschichte mit den prachtvollen Illustrationen von Francoise Legendre spielt in Andalusien. Dort, wo auf flachen Hausdächern lustig Wäsche flattert und gebückte, alte Männer mit Stock gemächlich durch gepflasterte Strassen schlendern. An einem Ort, an dem Orangen, die wie Honig schmecken und nach Sonne duften, auf nahe gelegenen Feldern wachsen.
So viel Zärtlichkeit und Geborgenheit steckt schon in den ersten Seiten des Buches, auf denen der Großvater mit seinen runzligen Händen dem kleinen Mädchen die köstliche Frucht reicht, dass sich auch der Leser nichts Schöneres vorstellen kann, als eine solch kostbare Erfahrung machen zu dürfen. Unendlich viel Atmosphäre vermitteln die Zeichnungen, die streckenweise ganz für sich sprechen dürfen und dann ganz ohne Text auskommen. Und poetisch und anrührend ist es, wie erst der Großvater sich um seine Enkelin kümmert, sich die Situation dann aber, als er krank und schwach wird, umkehrt und sie ihn füttert. Sogar in seinen letzten Stunden, als er sonst nichts mehr zu sich nehmen kann, verbindet die Sonnenfrucht die beiden. Denn mit einem Lächeln lässt er sich mit einem Bissen von der Orange füttern und sagt: „Ein kleines Stück von der Sonne! Bald steht sie oben am Himmel!“
Dann stirbt der alte Mann.
Doch damit ist die Geschichte nicht zu Ende: Denn Petra behält den Großvater nicht nur in ihrem Herzen, sondern bewahrt sich auch die Gewohnheit, die sie von ihm übernahm, nämlich morgens als erstes eine Orange zu essen. Und dabei sieht sie vor ihrem geistigen Auge jedes Mal eine Gestalt mit schwarzem Hut, die auf sie wartet.

Was in dieser Familie Großvaters Orangen, sind in unseren Breitengraden vielleicht Omas Bratäpfel oder Mutters Reibekuchen. Eine Frucht, ein Gericht, das viel mehr ist, als ein Lebensmittel: einzigartige Erinnerungen an eine Speisen geknüpft, die Zeit, Raum und auch den Tod überdauern.
Wohl dem, der so etwas hat.
[mic]


Natali Fortier, Francoise Legendre: Orangen für Opa, Aus dem Französischen von Rosemarie Griebel-Kruip, Sauerländer gebunden, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3794151325,
32 Seiten, € 13,90, ab vier Jahren

01. April 2008 um 11:27 Uhr | Druckversion
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