Die Reform - ein Lustspiel in zehn Akten

erschienen im Verzeichnis Freier Lektoren und Lektorinnen 2005/2006

Die deutsche Rechtschreibung
Ein Lustspiel in zehn Akten

»Es ist über diesen Gegenstand seit anderthalb hundert Jahren so viel gesprochen und geschrieben worden, daß man es einem ehrlichen Manne kaum zumuthen kann, noch eine Zeile mehr darüber zu lesen. Und doch ist die Sache bey weitem noch nicht erschöpft, und selbst diejenigen, welche unsere gewöhnliche Orthographie so gern zu schmähen pflegen, haben die Grundsätze, wonach sie sich bestimmt, und bestimmen muß, nicht in ihrem ganzen Zusammenhange eingesehen. Jeder von ihnen hat etwas gesehen, aber nicht alles, und das, was er sahe, hat er noch dazu nur halb gesehen; und daher rühren denn die vielen Verirrungen, woran besonders unser gegenwärtiges Zeitalter so fruchtbar ist.«
Johann Christoph Adelung (1782)

Prolog

In Gelehrtenkreisen ist sie immer wieder thematisiert worden, die meisten Muttersprachler interessiert sie fernab von Schul- und Bewerbungszeit wenig und doch ist sie seit rund einem Jahrzehnt in aller Munde: die deutsche Rechtschreibung. Ein ausführlicher Diskurs zum Thema böte Stoff für mehrere Bücher und ist vermutlich – zumindest was die Auseinandersetzung mit der aktuellen Rechtschreibreform betrifft – erst mit Abstand sinnvoll möglich.

Für alle, die sich in der einen oder anderen Weise intensiv mit Sprache beschäftigen, ist die Materie ohne Frage von besonderer Brisanz. Auch und gerade unter den Textarbeitern gibt es unzählige unterschiedliche Standpunkte zum Thema. Begeben wir uns also für dieses Mal ohne persönlich motivierten Groll, ohne Anspruch auf Wahrheit oder Vollständigkeit auf eine kurze, augenzwinkernde Reise durch die illustre Geschichte der deutschen Rechtschreibung.

Akt 1: Ein Reformator betritt die Bühne

Als Martin Luther (1483–1546) mit seiner Übersetzung der Bibel erstmals einen Bestseller in deutscher Sprache veröffentlichte, schuf er mitnichten – wie heute gern behauptet wird – eine einheitliche Orthographie. Vielmehr griff er auf Vorhandenes zurück, orientierte sich an den Kanzleisprachen und dem »gemeinen Deutsch«, das er selbst sprach, schrieb und las. Die größtmögliche Einheitlichkeit der Schriftsprache, die stets so vehement eingefordert wurde und wird, ergibt sich hier, fernab von Normierung und Vorschrift, ganz von selbst. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn das geschriebene Wort sollte schon damals möglichst viele Leser erreichen; ein Text mit höchstmöglichem Genuss und flüssig aufgenommen werden können, kurz: Schriftsprache dient einem Zweck: Der Verständigung zwischen Autor und Leser.

Und so bildete sich ab dem 15. Jahrhundert im gesamten deutschen Sprachraum mit seinen über 1 Million Muttersprachlern aus mittel- und oberdeutscher Mundart bereits eine erstaunlich einheitliche Schriftsprache heraus. Spätestens im 18. Jahrhundert hatte sich das so genannte Hochdeutsch etabliert. Der Nebeneffekt: das Schaffen einer gemeinsamen Identität in einem Land, das bis dato in keinster Weise »ein Reich« gewesen war und es auch, anbei, nach dem ersten Schritt der Reichsgründung 1871 nicht sein wollte.

Akt 2: Gottsched, Adelung und die Aufklärung

Jahrhunderte später setzte sich Johann Christoph Gottsched (1700–1766), von Historikern und Sprachwissenschaftlern gern und zu Unrecht als elitär gebrandmarkt, die Normierung der deutschen Schriftsprache zum Ziel. Auch er wusste, dass er Bestehendes nicht willkürlich würde verändern können. Seine 1748 erschienene wegweisende Zusammenfassung Grundlegung einer Deutschen Sprachkunst basiert maßgeblich auf der im Volksgebrauch üblichen Schreibweise und erlebte bis 1777 13 Folgeauflagen, die von regem Interesse am Thema »Rechtschreibung« künden. Johann Christoph Adelung (1732–1806) verfasste seine 1781 verlegte Deutsche Sprachenlehre bereits im Auftrag des preußischen Kultusministers; 1788 folgte die Vollständige Anweisung zur deutschen Orthographie. Obschon Adelungs und Gottscheds Stillehren von den Stürmern und Drängern der Zeit mit freundlicher Missachtung bedacht wurden, fanden die orthographischen Regelwerke doch breite Verwendung. Niemand zwang Autoren wie Goethe oder Wieland, diesen Regeln Folge zu leisten, sie entschieden sich aus freien Stücken dafür – und mit ihnen viele Autoren und Drucker dieser Zeit.

In ihrer Grundform sind die verschriftlichten Regeln der deutschen Rechtschreibung somit gut und gerne 250 Jahre alt und haben sich seitdem – verglichen an ihrer Gesamtheit – kaum verändert. Die Rechtschreibung entwickelte sich in ihren Ursprüngen organisch, und zwar im Rahmen einer bewussten Abkehr von den damals gesprochenen »Hochsprachen« der Oberschicht: Latein und (später) Französisch. Dem Bildungsbürgertum der Aufklärung war es oberstes Anliegen, die Sprache des Volkes zur Sprache der Bildung zu machen. Ihr Ziel: ein Verständigungsmittel zu schaffen, das von einer ganzen Nation, unabhängig von der sozialen Ausrichtung, genutzt werden konnte. Leider gerieten mit diesem Schritt die regionalen Dialekte sukzessive in Vergessenheit, weil sich auch die Sprechsprache an das »Hochdeutsche« annäherte.

Akt 3: Sturm, Drang und alte Werte

Wo aber etwas schriftlich festgelegt ist, muss es hinterfragt werden, und so erreichte die Debatte um die »richtige« Orthographie im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts einen ersten Höhepunkt. Christoph Martin Wieland (1733–1813) diagnostizierte der Gelehrtenwelt treffend »orthographische Influenzia«. Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803) forderte (als Dichter, für den der Klang der Worte wichtiger als ihr Äußeres war) eine Orthographie, die sich rein an der Lautung orientieren sollte – und erfand auch eine solche. Für Kinder und Ausländer, so seine Meinung, sei die bestehende deutsche Rechtschreibung zu kompliziert. Hauptaufgabe der Schrift sei es nicht, grammatischen Strukturen zu folgen, sondern das gesprochene Wort möglichst lautgetreu abzubilden.

Einen ähnlichen, aber gänzlich anders motivierten Ansatz propagierte Jacob Ludwig Grimm (1785–1863). Neben dem Sammeln der allseits bekannten Hausmärchen (gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm) formulierte er 1822 das erste Lautgesetz (im angelsächsischen Raum bis heute als »Grimm’s Law« bekannt) und legte den Grundstein für das Deutsche Wörterbuch. In seinem historisch-etymologischen Ansatz hätte Grimm die Schriftsprache am liebsten »re-reformiert«, sie der Lautung des Mittelhochdeutschen angepasst, das er für schöner, für reiner hielt. Der Wandel der Schriftsprache hingegen war in seinen Augen ein Degenerationsprozess. Grimm wandte sich – fernab von Aufklärung und eingängiger Schreibpraxis für »das Volk« – auf theoretischer Ebene an eine gebildete Minderheit. Es kam, wie es kommen musste: Seine Ideen setzten sich nicht durch. Stattdessen entwickelte sich aus ihnen die Phonetik und etablierte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als eigenständige wissenschaftliche Disziplin.

Die allgemein gültige Schriftsprache aber wuchs weiterhin organisch. Die Regelwerke passten sich der gängigen Schreibpraxis an – und hinkten dieser oft jahrelang hinterher. Ganz so, wie es im Übrigen auch der Duden bis zum jüngst gesprochenen Machtwort der Rechtschreibreformatoren des 20. Jahrhunderts praktizierte.

Akt 4: Der Schuldruck beginnt

Nun mag man sich zu Recht fragen, weshalb sich die deutsche Schriftsprache – entgegen etwa der italienischen oder der slawischen – so stark an grammatischen Strukturen ausrichtet. Bei genauerem Hinsehen waren die ersten Schritte der Sprachentwicklung natürlich weniger demokratisch als bislang skizziert. Selbstverständlich wurde die Entwicklung der Schriftsprache zu jeder Zeit von einer gebildeten Minderheit geprägt. Die wenigen, die des Schreibens mächtig waren, legten den Grundstock für die deutsche Orthographie, und das nicht gedankenlos. Besonders das 17. Jahrhundert bescherte uns zum Beispiel neben dem Dehnungs-H auch gleichlautende Homophone mit unterschiedlicher etymologischer Herkunft (etwa Leib und Laib) sowie eine systematisierte Großschreibung der Substantive.

Doch zurück ins 19. Jahrhundert. Auch wenn die von Klopstock und anderen geforderte Lautschrift sich in der Praxis nie durchsetzen ließ: Der Gedanke, dass sie einfacher umsetzbar wäre, blieb. Er findet sich noch lange als Wunschdenken wieder, so etwa bei Deutschlehrern, die sich von einem »Schreib, wie Du sprichst« große Erleichterung im Schulalltag erhofften.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts etablierte sich der Deutschunterricht an den Schulen als eigenständiges Unterrichtsfach. Das »richtige« Schreiben wurde nun, da es benotet werden musste, zum ernsthaften Problem.

Im deutschen Sprachraum existierten zunächst zahlreiche Rechtschreibbücher mit regionaler Bedeutung nebeneinander. Der erste Versuch zur Herstellung größerer Einheit in der Rechtschreibung (basierend auf dem amtlichen preußischen Regelwerk) scheiterte in der »Erste Orthographischen Konferenz« 1876 nicht zuletzt am Veto des Grafen Otto von Bismarck (1815–1898).

Im Unterricht aber war eine stabilere Ausgangsbasis vonnöten. Wieder einmal erhitzte die Debatte um die deutsche Rechtschreibung landauf, landab die Gemüter. Der Staat geriet mehr und mehr in eine Schiedsposition.

Akt 5: Konrad Duden betritt das Parkett

Im Zuge der Reichseinigung war den Ländern sukzessive an einer Angleichung ihrer Bildungs- und Schulpolitik gelegen, und so fand im Juni 1901 in Berlin die »Zweite Orthographische Konferenz« statt. Von Vertretern staatlicher Behörden über Buchhändler bis hin zu Lehrern und Gelehrten versammelte sich eine illustre Runde von »Sprachregulierern«, unter ihnen der Direktor des Hersfelder Gymnasiums Konrad Duden (1829–1911), der sich bereits 1880 mit der Veröffentlichung des Vollständigen Orthographischen Wörterbuchs der deutschen Sprache einen Namen gemacht hatte. Die Konferenz dauerte nur wenige Tage und dieses Mal war sie erfolgreich. Per Bundesratsbeschluss wurden die amtlich abgesegneten Regeln 1902 für Verwaltung und Schule verbindlich; die Schweiz und Österreich schlossen sich freiwillig an. Im selben Jahr erschien das amtliche Regelwerk Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis (der Vorläufer des Duden), das kurz darauf für Schulen und den amtlichen Gebrauch bei Behörden galt. Im Jahr 1903 folgten auf Wunsch der Buchdruckervereinigung die Rechtschreibung der Buchdruckereien deutscher Sprache und im Jahr 1915 der Duden – Rechtschreibung der deutschen Sprache und Fremdwörter. Konrad Dudens Resümee: »Dieser endlich errungene Erfolg der langen Jahre hindurch sich ziehenden Verhandlungen […] erscheint so bedeutsam und erfreulich, dass daneben die der jetzt allgemein gültigen Rechtschreibung in der Tat noch anhaftenden Mängel nicht so schwer ins Gewicht fallen.«

Doch der Makel des Vorläufigen, des Reformbedürftigen blieb. Und mit ihm wuchs auch die Unzufriedenheit Weniger, denen der Duden (der sich schnell zu einem wirtschaftlich arbeitenden Verlag etablierte) als Verwalter und Hüter der deutschen Rechtschreibung ein Dorn im Auge war.

Akt 6: Hundert Jahre Frieden?

Seit jenem ersten Duden hat sich die Menge der orthographischen Regeln beständig erhöht. Wo es einen Experten gibt, fragt man ihn um Rat. Wer aber antwortet, differenziert bestehende Regeln immer weiter aus. Bei dem Vorwurf, der Duden habe die Rechtschreibregeln sukzessive verkompliziert, wird gern vergessen, dass hiermit vor allem auf Wünsche und Bedürfnisse reagiert wurde. Die strikte Reglementierung der Rechtschreibung (die in dieser Form in den amtlichen Regeln tatsächlich nicht vorgesehen war) entwickelte sich letzten Endes aus einem Bedarf der Schreibenden selbst, die nach exakteren Regeln verlangten. Natürlich muss auch hier die bereits oben erwähnte Einschränkung geltend gemacht werden: Diejenigen, die mit Problemen und Fragen an die Duden-Redaktion herantraten, kamen vor allem aus den »gehobenen Schichten«. Und diese setzten die Messlatte für die »Alltagsschreiber« (ein Neologismus, den die aktuelle Debatte um die Rechtschreibreform gebar) immer höher.

Akt 7: Bildungsmisere und Reformvorschläge

Die Sprachreformversuche des Dritten Reiches (die letztlich an der Kriegssituation scheiterten; so 1944: »Hat das Reichserziehungsministerium im fünften Kriegsjahr keine anderen Sorgen?«) außen vor lassend, springen wir nun 50 Jahre in die Zukunft. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre erwarben nur knapp 7 Prozent aller Schüler eines deutschen Jahrgangs das Abitur, wodurch die Zahl der Akademiker rapide abnahm. Man sprach von einer zwingend notwendigen Aktivierung der »Begabtenreserven«, um auch in Zukunft im allgemeinen Wettbewerb mithalten zu können. Neben Basil Bernsteins Theorie der Soziolinguistik tauchte 1969 der Begriff »Sprachbarriere« zum ersten Mal in einem offiziellen Lehrplan auf und avancierte schnell zum gern benutzten Sündenbock bei der Ursachenforschung nach ungleicher Bildungsbeteiligung verschiedener Bevölkerungsschichten.

Die Rechtschreibdebatte gewann in diesem Kontext an politischer Brisanz und rief eine immer größere Anzahl von Reformern auf den Plan. Fertige Konzepte zu einer Reformierung der Rechtschreibung gab es schon lange und nun schien die Zeit gekommen, diese umzusetzen. Hier tritt das neu gegründete Institut für Deutsche Sprache (bestehend aus einer häufig wechselnden Belegschaft und mit starker Ausrichtung auf die Sprachwissenschaft) auf den Plan. Zu Anfang seines Bestehens residierte das Institut im ehemaligen Gebäude des Duden-Verlags in Mannheim (bis in die 1980er Jahre zierte jede Ausgabe des Dudens der Vermerk »Im Einvernehmen mit der IDS«). Doch mit der Zeit kristallisierte sich in der Zusammenarbeit zwischen Verlag und Wissenschaft ein immer stärkeres Konfliktpotential heraus. Seit den 80er Jahren wurde der Duden-Redaktion in diesem Kontext zunehmend Inkompetenz und Eigenmächtigkeit im Umgang mit der Verwaltung der Schriftsprache vorgeworfen. Schließlich erteilte 1987 die Kultusministerkonferenz dem IDS den Auftrag, gemeinsam mit der Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache ein neues Regelwerk für die deutsche Rechtschreibung zu konzipieren. Und dann ging alles mit einem Mal sehr schnell …

Akt 8: Reform Teil 1 – Die Verkündung

Das 1988 vom Institut für deutsche Sprache vorgelegte Konzept zur Sprachnormierung umfasste drastische Neuregelungen (etwa durchgehende Kleinschreibung) und wurde zunächst von der Öffentlichkeit und kurz darauf auch von der Kultusministerkonferenz zurückgewiesen. Im Jahr 1992 legte der Internationale Arbeitskreis für Rechtschreibreform (gegründet 1980) eine gemäßigte Fassung vor, die Deutsche Rechtschreibung – Vorschläge zu einer Neuregelung. Bereits 1995 beschließt die Kultusministerkonferenz der Länder, die Neuregelung zum 1. August 1998 mit einer Übergangsphase bis 2004/05 einzuführen. In der Wiener Absichtserklärung verpflichten sich am 1. Juli 1996 Deutschland, Österreich, die Schweiz, Liechtenstein und weitere Länder mit deutschsprachiger Bevölkerung zur Einführung der neuen Regeln. Erste Wörterbücher erscheinen, in einigen Bundesländer wird bereits im Schuljahr 1996/97 »neu« geschrieben, während sich auf der Frankfurter Buchmesse in der »Frankfurter Erklärung« 100 Schriftsteller und Wissenschaftler für einen Stopp der Reform stark machen. Am 14. Juli 1998 erklärt das mittlerweile im Rahmen der Proteste gegen die Reform bemühte Bundesverfassungsgericht die Einführung der Rechtschreibung per Kultusministererlass für verfassungsgemäß; am 1. August desselben Jahres wird die neue Regelung offiziell an Schulen und Behörden eingeführt. Die Übergangsregelung, in der alte und neue Schreibweise parallel zulässig sind, gilt bis zum 31. Juli 2005. Danach sollen sich deutsche Muttersprachler wieder einer einheitlichen Schreibweise erfreuen können. Doch so einfach, wie es sich liest, ist es bis heute nicht. 

Akt 9: Reform Teil 2 – Die Debatte

Die Debatte, die um die Einführung der Rechtschreibung aufkam und bis heute Bestand hat, wurde überwiegend in den (Print-)Medien geführt; Bundestag und Gerichte blieben eher Nebenschauplätze. Mit mehr oder weniger Niveau und Fachkenntnis wurde vor allen Dingen auf »fachlicher« Ebene diskutiert. Und doch hat das »Volksbegehren« seine Ursache wohl weniger in der Sache selbst als vielmehr in einem Kampf um demokratische Teilhabe an dem, was »die da oben« zu Gesetzen machen. Verunsicherung und Wut, Augen-zu-und-durch-Mentalität, Hilflosigkeit, Fanatismus und nachgerade absurde Querschläge haben die Debatte geprägt und bis zum heutigen Tag immer wieder aufs Neue entfacht. Sei es der ehemalige sächsische Kultusminister Rolf Wernstedt: »Wenn man einmal einen Weg eingeschlagen hat, muss man ihn auch zuende gehen, auch wenn man zwischendurch feststellt, dass er falsch ist.«; der Bertelsmann-Verlag: »Der große Erfolg geht weiter. Die neue deutsche Rechtschreibung wurde zum ‚Shootingstar’ des vergangenen Jahres!«; Gerhard Schröder: »Die Argumente für die Reform kann ich im Kopf nachvollziehen, aber nicht im Bauch.«; Kurt Biedenkopf: »Muss es überhaupt eine hoheitliche Aufgabe sein festzustellen, wie man Kuss schreibt?«; Hartmut Holzapfel: »Ich halte eine Volksabstimmung auf Landesebene zu dieser Frage nicht für zulässig. […] Es gibt sachgebotene Grenzen für Volksbegehren.« oder Edmund Stoiber: »Die Reform ist sicher nicht mein Herzensanliegen. Es zeigt sich aber auch hier, dass die Leute immer weniger akzeptieren, was oben beschlossen wird.« – nahezu jeder ist involviert, und viele sind schlichtweg überfordert. Gisela Böhrk brachte es in ihrer Funktion als Kultusministerin von Schleswig-Holstein auf den Punkt: »Wenn man es vom Ende her sieht, wäre es sinnvoll gewesen, noch häufiger und noch eindringlicher an die Medien heranzutreten. Aber wenn die Kultusminister Fehler gemacht haben, dann haben es sicher auch die Medien, indem sie die Reform erst zum Thema gemacht haben, als die Neuregelungen beschlossen waren.«

Akt 10: Das neue Jahrtausend

Zu Klüngel und Schieberei, zur Willkür Einzelner und dem Versagen Vieler, zu Sinn oder Unsinn einer zum ersten Mal in der Geschichte der Rechtschreibung aufoktroierten Reform soll an dieser Stelle kein weiteres Wort verloren werden. Die Fronten sind auf beiden Seiten ausreichend verhärtet, der bislang Unschlüssige mag sich in die Gegebenheiten fügen oder sich durch Recherche eine Meinung bilden, überzeugte Propagandisten auf beiden Seiten mögen ihre Ansichten noch einmal durch vertiefende Lektüre überdenken oder nicht – die Würfel scheinen gefallen. Zurück bleibt eine deutsche Rechtschreibung, die uneinheitlicher ist als zuvor. Die Reformer haben am Ende wenig Ruhm, aber den Sieg davon getragen. Manch einem ist dies Recht, dem anderen bereitet es schlaflose Nächte und dem Dritten ist es von Herzen egal.

Den Spagat zwischen Pflicht und Kür, in den viele öffentliche Organe bei der Debatte um die Rechtschreibreform gedrängt wurden, spiegelt die Rede von Anke Brunn in ihrer damaligen Eigenschaft als Kultusministerin von Nordrhein-Westfalen und Vorsitzende der Kultusministerkonferenz am 26. März 1998 vor dem Bundestag wider: »Der Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages schlägt nun ebenso wie die Amtschefs der KMK vor, bei der weiteren Entwicklung der deutschen Rechtschreibung Schriftsteller, Journalisten, wissenschaftliche Institute und sonstige mit der Sprache und über die Sprache Arbeitende kontinuierlicher in die weitere Diskussion mit einzubeziehen. […] Die Arbeit der internationalen Kommission sollte damit nicht ersetzt, sondern konstruktiv begleitet werden. […] Wir wollen keine Regeln hinter verschlossenen Türen. Das kann ich für alle Kultusminister sagen. Wir haben sie übrigens nie gewollt. Wir wollen die Erfahrungen mit der neuen Rechtschreibung offen austauschen und breit diskutieren, damit am Ende der Einführungsphase Regeln stehen, die eine breite Akzeptanz finden. [...] Ich persönlich mache von der Möglichkeit Gebrauch, ganz in meiner traditionellen Rechtschreibung zu schreiben. Ich habe vor, das auch in Zukunft so zu machen.«

Heide Simonis versucht es in einem Zeitungsinterview (Welt, 25.10.97) lieber mit Humor und Optimismus: »Die alte Rechtschreibung gibt nicht viel logischen Sinn, die neue gibt auch nicht viel logischen Sinn. Was zählt, ist allein die Sprache.«

Epilog

Derweil die deutschsprachigen Länder standhaft und mit großen Schritten dem staatlich festgesetzten Termin der Wiedervereinigung der deutschen Orthographie (vom Ausland milde belächelt) entgegenschreiten, wird vor und hinter den Kulissen bis heute eifrig weiter diskutiert. Der »Rat für deutsche Rechtschreibung«, hervorgegangen aus dem »Beirat der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung« wurde 2005 gegründet. Für Deutschland debattieren hier 18 Ratsmitglieder (berufen von der Kultusministerkonferenz der Länder) und weitere zweimal 9 für die Schweiz und Österreich. Das Ziel: Im Rat sollen neben Sprachwissenschaftlern nun auch die Textarbeiter aus der Praxis zu Wort kommen. Nicht nur der VFLL (obschon in der Zwischenstaatlichen Kommission vertreten) wurde, entgegen seinem mehrfach der KMK gegenüber artikulierten Wunsch und Willen, nicht in den Rat berufen. Die Akademie für Sprache und Dichtung und das PEN-Zentrum hingegen haben ihren Sitz erst gar nicht angetreten. Beide fordern, zur alten Regelung zurückzukehren. Der Aufbau des Gremiums sei falsch, dessen Arbeitsbedingungen unzulänglich. Kritiker würden in den Entscheidungsprozeß nur formell eingebunden, die Resultate der Beratungen hingegen stünden bereits fest. Die notwendige Anpassung aber müsse auf anderem Wege erreicht werden: durch eine neu zu schaffende nichtstaatliche Instanz. Gut gebrüllt, Löwe.

Doch ob es eine solche Instanz jemals geben wird, ist zweifelhaft. Ob es ihrer in einigen Jahren wirklich noch bedarf, desgleichen. Das Volk schreibt ohnehin, wie ihm die Feder gewachsen ist oder die Finger auf die Tastatur fallen. Und nicht Wenige wünschen sich von Herzen einen Puck, der kommen möge, um die Komödie zu beenden.

Vielen aber, die mit Schriftsprache arbeiten und das Richtig oder Falsch derselben vertreten und kommunizieren müssen, mag Harry Rowohlt mit seiner augenzwinkernden Herzlichkeit aus der Seele sprechen: »Orthographie und Interpunktion waren immer das einzige, was ich einigermaßen beherrschte. Wenn diese beiden Tugenden plötzlich nichts mehr gelten, stehe ich vor dem Nichts. Ich kann ja nicht mal ordentlich skilaufen.«

© Momo Evers
Germanistin, Historikerin und Mitglied des VFLL