Nancy Huston: Ein winziger Makel (rowohlt)

Eine Frau steht vor einem Spiegel und presst ihre Hand gegen das Glas, den Blick nach Innen gerichtet.Es ist das Schweigen, das Leben zerstört. Die Lüge, die Nähe unmöglich macht, auch jetzt noch, Generationen danach. In „Ein winziger Makel“ gewährt uns die gebürtige Kanadierin Nancy Huston einen Einblick in das Leben vierer Generationen: Sol, der Stern, um den die Welt seiner Mutter kreist, egozentrisch und fast schon ein wenig widerlich, der nicht versteht, weshalb sein Vater Randall seine Großmutter Erra so sehr liebt und seine Mutter Sadie eher weniger, und weshalb seine Urgroßmutter Erra ihr Muttermal so sehr liebt wie sein Vater, seine Großmutter Sadie es hingegen hasst. Und der aus allen Wolken fällt, als er eines Tages erfährt, dass Großmutter Sadie unbedingt mit Urgroßmutter Erra, mit der sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesprochen hat, nach Deutschland fahren will. Dort soll eine Schwester von Urgroßmutter Erra leben. Denn Erra soll einst Deutsche gewesen sein.
Sadie hat ihr Leben dem Forschen über Nazideutschland gewidmet, in dieser Reise sieht sie ihre große Chance. Doch was bleibt, sind zwei alte Frauen – Erra und Greta, die sich so gar nicht wie Schwestern benehmen – und der Streit um eine alte Puppe in samtenem Kleid.

Zeitenwechsel. Und wir lernen Randall kennen, den kleinen Jungen Randall, der seinen Vater von Herzen liebt und seiner Mutter doch nie genügen kann. Denn Sadie ist nie daheim, forscht wie besessen, fliegt um die Welt, nimmt ihr Kind und auch ihren Mann kaum wahr. Was auch immer Randall versucht, wie sehr er auch leidet und wünscht und hofft – sie sieht ihn nicht; Auch dann nicht, als der Vater sie eindringlich fragt, warum sie sich so sehr für das Leben von Lebensborn-Kindern interessiere, deren Schicksal schon lange Zeit Geschichte ist, und doch nicht sehen will, wie ihr eigenes Kind bei seiner Sehnsucht nach einem lieben Wort der Mutter zu Grunde geht. Bis nach Israel bringt Sadie ihre Familie, treibt sie und lässt sie selbst dann nicht fort, als der Krieg beginnt. Noch ehe Randalls Vater sie überreden kann, fort zu gehen, hat sie einen Unfall, der sie für den Rest ihres Lebens an den Rollstuhl fesseln wird, und Randall ist sich sicher, dass das Mädchen Schuld ist, das er in der Schule in Israel kennen lernte. Das Mädchen, das ihn hasste, als ihre Familie den Bomben zum Opfer fiel – Nouhza, die Palästinenserin ist. Und Randall, der sie von Herzen liebte.

Zeitenwechsel – und wir lernen die junge Sadie kennen, die aufwächst im Haus ihrer Großeltern mit dem Namen Kriswaty, die kalt mit ihr sind, streng, ihr fremd und nicht vertraut. Ihre ganze Kindheit und Jugend hindurch wünscht sich Sadie nichts sehnlicher, als an der Seite ihrer Mutter zu leben, fühlt sich klein und ungenügend, dick und ungeschickt. Das Muttermal auf ihrer Pobacke ist ihr der Feind, ist ihr verhasst, und wann immer sie wieder einmal nicht geliebt und zurückgestoßen wird, sucht sie die Schuld bei sich, flüstert der Feind selbst ihr ihre Schuld hämisch ins Ohr. Und sie schlägt den Kopf mit Kraft gegen die Wand, wieder und wieder, bis sie ein liebes Mädchen ist. Eines Tages, so hat ihre Mutter Kristina ihr versprochen, wenn sie eine berühmte Sängerin ist, wird sie Sadie zu sich holen – und dann, als Sadie schon fast nicht mehr daran geglaubt hat, wird der Traum Wirklichkeit: Kristian heiratet Peter, und Peter wird Sadie der Vater, den sie bislang nie gekannt hat. Doch dann beschließt die Mutter, ihren Namen zu ändern, Erra will sie heißen und nicht länger Kristina Kriswaty – und Peter, Ehemann und Manager zugleich, stimmt schließlich kopfschüttelnd zu.
Als Peter auf einer Geschäftsreise ist, klingelt es an der Tür, und davor steht ein wildfremder Mann, der Sadie Angst macht. Als sie ihrer Mutter sagt, wer gekommen ist, um sie zu sehen, erkennt sie an der Reaktion der Mutter, dass sich ihr Leben nach diesem Tag verändern wird.
Sie behält Recht. Die nächsten Stunden verbringt Sadie voller Angst, und als ihr Erra am Ende des Tages nicht erklären will, was wirklich geschehen ist, bricht Sadies Herz. Ihre Mutter kann sie nicht mehr lieben, und ihr eigenes Leben gehört fortan der Suche nach der Wahrheit und den Antworten, die sie niemals bekam.

Zeitenwechsel. Kristina ist sechs Jahre alt, liebt ihren Großvater abgöttisch und ihre Mutter von Herzen, nur mit ihrer Schwester Greta verbindet sie nicht gerade eine Herzensfreundschaft. Der Vater ist im Krieg, der Bruder fällt für den Führer, die Schwester bekommt eine wundervolle Puppe zum Weihnachtsfest, und Greta flüstert Kristina in der Nacht aus Gehässigkeit ein Geheimnis zu, das fortan in dem Mädchen gärt und reißt und nicht heraus kann. Ein neues Kind kommt in die Familie, der Großvater verfällt nach der Bombardierung Dresdens dem Wahnsinn, und Kristinas Weg führt sie immer weiter von Mutter und Großvater fort, getrieben von der Liebe zu Yanek, der ihr Bruder ist und es doch niemals sein kann. Als sie schließlich ein Schiff fort bringt über den Ozean hat sie gelernt und verstanden, dass sie niemals in ihrer Vergangenheit ankommen – und auf ewig schweigen wird.

Erras Schweigen und Erras Schicksal umschließen die Familie wie ein unsichtbares Band, das auch am Ende des Buches, der zugleich sein Anfang ist, für die Familie selbst nicht gelöst werden kann. Nur der Leser versteht schließlich, was jeden dieser Erwachsenen trieb, was ihn hilflos machte, unfähig, das Leben der eigenen Kinder zu retten.

Nancy Hustons Charakterstudien sind eindrucksvoll und gehen tief;  „Ein winziger Makel“ ist vieles zugleich: ein Zeugnis der Hilflosigkeit, ein Generationenroman, ein historischer Roman, eine Gesellschaftsstudie, eine psychologische Studie, ein pädagogisches Fallmodell – und ein Spiegel, in den sie uns selbst hinein- und zurückblicken lässt. Die Sprache hat Klang und Seele, erfindet sich mit jedem der Protagonisten neu, auch in der Übersetzung aus dem Französischen von Uli Aumüller und Claudia Steinitz.

Es ist ein trauriges und ein kluges Buch, das Lachen, Lieben und Hassen macht – und vor allen Dingen Verstehen. Und das man nach der letzten Seite noch einmal von vorne lesen muss, weil man erst dann den Schlüssel in Händen hält, um all die unbeantworteten Fragen verstehen und die Fäden entwirren zu können, in denen vier Generationen ihr Lebtag gefangen waren und es vielleicht auf ewig sein werden.

Die Kanadierin Nancy Huston (* 1953) lebt seit 1973 in Paris und hat zwei Kinder mit dem Philosophen und Linguisten Tzwetan Todorov. Sie erhielt diverse Preise für ihre Sachbücher und Romane, auch für „Ein winziger Makel“, das in Frankreich – dem Inhalt deutlich mehr entsprechend – „Lignes de faille“ heißt.

In Frankreich stand es lange auf den ersten Plätzen der Bestsellerliste – zu Recht. Ein dunkles Buch, ein leidenschaftlich trauriges Buch, ein gutes Buch – und fast schon ein klein wenig Literatur.

Nancy Huston: Ein winziger Makel. rowohlt 2008. 367 Seiten (Hardcover)
Aus dem Französischen von Uli Aumüller und Claudia Steinitz.

Thema: Suche nach Identität, Nazi-Deutschland, Schweigen, Hilflosigkeit, Liebe, Leben, Adoption

  Momo Evers am 19.05.2008 | |
Belletristik

William Nicholson: Der Windsänger (Trilogie, dtv junior)

Cover Windsänger, sattes Rot mit persisch anmutendem Turm Eigentlich schreibt der Brite William Nicholson Drehbücher - etwa für Shadowlands oder Gladiator. Aber manchmal, da schreibt er Romane. Oder Jugendromane. Fantasy zum Beispiel. Und, ganz ehrlich? Der Augenblick, an dem ihn die Tests, die seine Kinder in der Schule durchlaufen mussten, und die er von Herzen verabscheute, zur Grundidee des Windsänger-Zyklus inspirierte, war schon eine kleine Sternstunde. Nicht so eine große mit Rumms und Feuerwerk - und sicherlich weder bahnbrechend für das phantastische Genre noch für das Jugendbuch. Aber eben doch eine jener kleinen Sternstunden, die dem großen, weiten Ozean der schlechten Bücher dieser Welt ein gutes hinzufügten.


Die Stadt Armaranth ist ein Hort der Prüfungen. Alles und jeder wird ohne Unterlass geprüft und nach einem strengen Punktesystem bewertet. Die Sauberkeit im Haus, die Gedichteaufsagfähigkeiten der Kinder, das Wissen des Vaters über die Gesetze der Stadt und vieles, vieles mehr fließt in die Familiennote ein. Und das Endergebnis entscheidet, in welchem Bezirk die Familie fortan leben darf - so lange zumindest, bis ihr Ergebnis sich verbessert oder verschlechtert. Von grauem über kastzanienbraunen, orangefarbenen, scharlachroten oder weißem Bezirk spannt sich die Zahl der Wohnorte, die Scheitern oder Sieg, sozialen Aufstieg oder wirtschaftliches Aus bedeuten können. Kontrolle pur - ganz so, wie es Kaiser Creoth VI. gefällt. So behauptet es zumindest der Oberste Rat, Gralshüter und Kerkermeister der gestrengen Diktatur der Stadt.
Über all dem Elend und propagierter Chancengleichheit einer schönen, neuen Welt thront stumm ein Wächter aus uralter Zeit: Der Windsänger. Inmitten der Arena der Stadt steht der hohe Turm, der einst sang und unter dessen Stimme das kleine Reich glücklich war - bis die Saren kamen, der Kaiser ihnen die Stimme des Windsängers zum Pfand gab und fortan ein immer rauerer Wind die Stimme des Windsängers ersetzte.
Eines Tages kommt auch für die kleine Pinpin, dem jüngsten Spross der Familie Harth, der Tag der ersten Prüfung. Trotz der Unterstützung ihrer Eltern und ihrer Zwillingsgeschwister Kestrel und Bowman versagt Pinpin kläglich - die Familie muss umziehen. Als der Lehrer in der Schule über sie spottet, reisst Kestrel der Geduldsfaden - sie rennt fort, erklimmt den Windsänger und schreit ihre Wut über die blitzenden Dächer der zu Tode geordneten Stadt hinaus. Die Wachen kommen - und mit diesem Tag ändert sich Kestrels und Bowmans Leben - und eines fernen Tages vielleicht auch das der Stadt Armaranth.


In zwei Erzählsträngen folgen wir der Reise von Kess, Bo und ihren Freunden und den Qualen, die die Eltern in der Zeit nach der Flucht ihrer Kinder durchleiden. Nicholsons Sprache ist klar und schnörkellos und seine Bilder sind zugleich von großer Intensität. Die Helden sind weich, sehr menschlich, fehlbar - und daher umso liebenswerter. Die moralische Botschaft liegt von Anfang an klar auf der Hand, wird nicht kramphaft mythologisiert und stört daher nicht im Geringsten. Fast fühlt man sich an die Fabulierlust eines Michael Ende erinnert, wenn Nicholson Orte und Völker und Artefakte ersinnt und den Leser immer wieder überrascht.
Danke, William Nicholson. Für einige Tage Staunen, für die Saren - und für Kestrel, der meine Tochter ihren Namen verdankt.



William Nicholson: Die Windsänger-Trilogie (Der Windsänger, Das Lied des Feuers, Gefangene des Meisters), dtv junior 2004. 336/396/407 Seiten. (Softcover, Schuber)
Aus dem Englischen von Stefanie Mierswa.


Thema: Hoffnung, Freundschaft, Abenteuer, Phantastik, Unterdrückung

  Momo Evers am 15.04.2008 | |
JugendbuchPhantastik

Nicolas Michel: Emilies letzte Reise (Klett Cotta)

Kennen Sie diese kleinen Bücher, die lächeln machen? Wenn Sie jetzt sagen “Ja, Johannes zum Beispiel”, dann haben wir nicht den gleichen Geschmack. “Johannes” ist mir zu weichgespült und esoterisch. Ich liebe Bücher, die Geschichten erzählen und Autoren, die Geschichten erzählen können. Nicolas Michel (*1974) ist Franzose, auch wenn sein Name nicht so klingt. Und er kann Geschichten erzählen. Zumindest in diesem Buch: Emilies letzte Reise. Es handelt von hungrigen Makrelen, von Matrosen und Malern. Von jungen Obdachlosen, alten Frauen und Bankräubern. Und von Léo und Emilie, von einer großen Liebe und einem glücklichen Tod. “Sie konnte ihren Tod leben, wie sie ihr Leben geführt hatte”, so steht es auf Seite 11, und das sagt schon fast alles über diese Frau, der wir bis zum Ende des Buches nur als Leiche begegnen; die jeden, dessen Pfad sie kreuzt, verändert und die selbst im Tod noch glücklich machen kann. Emilies letzte Reise ist die ihres toten Körpers hinaus ins Meer. Wir folgen ihrem Weg in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge - von den Makrelen, die sich an ihrem Körper nähren, bis hin zu dem Ort, an dem sie starb - und erfahren erst dort den Grund ihres Todes.


Emilie ist ein melancholisches und leichtes Buch zugleich, fast schon ein klein wenig Literatur und vermutlich ein “Mädchenbuch”, ein Buch für Menschen, die Zwischentöne lieben, dunkle Herbsttage und “Unter dem Milchwald” von Dyan Thomas. Die Sprache ist assoziativ und manchmal, manchmal trifft sie nicht ganz; die Perspektiven wechseln oft und mit jedem Leben, das Emilies Körper streift. Es ist ein Buch über den Mut zur Veränderung, ein Buch vom Glück und ein Buch, das den Tod beschreibt wie einen Geliebten. Als ich es las - in einer klirrend kalten Winternacht im Dezember - hat es mir beim Lesen nicht nur Freude gemacht, sondern mich auch nach dem Ende der Lektüre noch eine Zeit lang verharren lassen - nachdenklich, mit einem Lächeln um die Lippen. Nicht vielen Büchern gelingt es, daß man, nachdem das letzte Wort gelesen ist, sie zärtlich schließt und sanft über sie streicht, ehe man sie fort stellt, noch einmal umkehrt und ihnen dann einen Ehrenplatz gibt - in der schlanken Reihe jener, die man von Herzen weiter empfehlen wird.


“Sie hat noch etwas Zeit vor sich. So wenig.
Er hat auch noch Zeit vor sich. Viel Zeit.”


So endet es - und macht vielleicht ein wenig Mut. Mut, zu leben.


Bild


Nicolas Michel: Emilies letzte Reise. Klett Cotta 2003. 159 Seiten. 16 Euro (Hardcover)
Aus dem Französischen von Renate Nentwig.

Thema: Tod, Leben, Veränderung, Liebe

  Momo Evers am 01.12.2007 | |
Belletristik

Leonie Swann: Glennkill (Goldmann)

Können Schafe glücklich machen? Ja, das können sie. Vor allen Dingen dann, wenn es die Schafe aus der Herde des Schäfers George Glenn sind. Denn jedes Mitglied der Herde unter Leitwidder Ritchfield ist etwas Besonderes. Da gibt es Mopple the Whale das Gedächtnisschaf; Zora, die den Abgrund kennt; Othello, das schwarze Schaf, das gelernt hat, im Zirkus zu überleben und von ihm zu fliehen; das Winterlamm, für das Gerechtigkeit mehr als nur ein Wort ist … und vor allem natürlich Miss Maple, das klügste Schaf von Glennkill. Maples Scharfsinn haben die anderen auch bitter nötig, denn als sie eines schönen Morgens gewissenhaft mit der Weidearbeit beginnen wollen, stellt sich heraus, dass jemand einen Spaten in ihren Schäfer George gesteckt hat. Jetzt atmet er nicht mehr. Und das ist eindeutig Wolferei – das ist Mord!

Wer soll ihnen nun Geschichten vorlesen? Wer sie hüten? Und wer wird „Gerechtigkeit“ üben?

Mit ihrem profunden Wissen aus Liebesromanen, einem halben Krimi (den Rest hat George weggeworfen, weil er so langweilig war) und einem Buch über Schafskrankheiten kommen Georges Schafe unter der Führung von Miss Maple nach und nach allen auf die Schliche: dem Metzger; Beth, die riecht wie der Tod; Gabriel, der mit einem Metallding grasen kann und seine Schafe als Futter sieht – und auch Gott, der auf seinem Acker Leichen sät.

Mit Glennkill schenkt die 1975 geborene Deutsche Leonie Swann der Lesewelt nicht nur einen hübschen Krimi. Ihre Schafe entlarven das Denken und Handeln der Menschen und sind so direkt, so einfach und unverblümt, und halten dem Leser dabei auf derart liebenswürdige und einfallsreiche Art den Spiegel vor, dass es eine Wonne ist, ihnen zu lauschen.
Dabei zeugen Dialoge wie




„Wollt ihr denn gar nicht wissen, woran er gestorben ist?“

[…] „Er ist an dem Spaten gestorben. Du hättest das auch nicht überlebt, so ein schweres Eisending durch den Leib. Kein Wunder, daß er tot ist.“

[…] „Und woher der Spaten?“

[…] „Jemand hat ihn hineingesteckt.“ Für Ritchfield war die Sache damit erledigt.

[…] „Nur ein Mensch kommt in Frage – oder ein sehr großer Affe.“

[…] „Ein Mensch.“ Maple nickte zufrieden. Die Zahl der Verdächtigen ging rapide zurück.“




nicht nur von einem erfrischend pointierten Umgang mit Sprache – sie bringen den Leser auch immer wieder zum Lachen.

Ein wundervolles, ein herzzerreißend komisches Buch – frei von Albernheit und Plattitüden, und nur mit zwei kleinen Schönheitsfehlern: Das Ende hätte gestrafft und deutlicher auf den Punkt gebracht werden können, und das Schicksal von Gabriels Widder wird nicht zu einem runden Abschluss gebracht. Nicht geeignet ist Glennkill zudem für Leser, die einen wirklich packenden Plot erwarten - denn so ein Schafsleben spielt sich nunmal auf der Weide ab, und auch der Horizont begnadet kluger Schafe ist begrenzt. Wer aber - wie ich - Freude an liebevollen Neologismen und Sprachspielen sowie “wolligen” Charakterstudien hat, wird an diesem Erstling seine helle Freude haben.

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Leonie Swann: Glennkill. Goldmann 2005. 376 Seiten. 17,90 Euro (Hardcover)

Thema: Humor, Philosophisches über Menschen aus der Sicht von Schafen, Krimi

  Momo Evers am 23.08.2006 | (0) Trackback/s |
Krimi

Audrey Niffenegger: Die Frau des Zeitreisenden (Fischer)

Cover: Die Frau des Zeitreisenden Sie sind selten, aber es gibt sie, jene Geschichten des Erstlings, der zum Bestseller wird. Audrey Niffeneggers “Frau des Zeitreisenden” ist so ein Buch.
Um ehrlich zu sein, ist mir dieses Buch eher “passiert”, als daß ich es absichtlich zur Kasse von Bücher Krüger in Dortmund getragen hätte. Eigentlich suchte ich nämlich ein Weihnachtsgeschenk für meine Mutter. Als ich durch den Buchladen stromerte, belauschte ich das Gespräch einer Buchhändlerin und einer Kundin, und weil ich selbst lange Jahre im Buchhandel gearbeitet habe, werde ich immer hellhörig, wenn aus der Stimme eines Buchändlers aufrichtige Begeisterung spricht. Und so nahm ich “Die Frau des Zeitreisenden” zur Hand, die ich unter normalen Umständen wohl keines Blickes gewürdigt hätte. Das Cover nämlich erinnert an ein seichtes Liebesgeschichtchen (vielleicht mit asiatischem Einschlag), und die auf der Rückseite zitierte Frauenzeitschrift, die das Buch als “romantischste Liebesgeschichte des Jahres” anpreist, macht es auch nicht besser. Ich kaufte es dennoch, und es kam nie bei meiner Mutter an, denn ich hatte zuvor den Fehler gemacht, hineinzulesen.

“Die Frau des Zeitreisenden” erzählt die Geschichte von Henry und Claire, die einander kennenlernen, als er 24 und sie 5 ist und heiraten, als er sich noch nicht daran erinnern kann, sie mit 24 als 5-jährige kennengelernt zu haben. Henry leidet unter dem Chrono-Syndrom; seine Zeitreisen kann er nicht planen, sie “geschehen” ihm eher, und es gelingt ihm kaum jemals, sie zu verhindern. Claire, die ihn von Kindesbeinen an kennt und lieben gelernt hat, wartet auf ihn, immer und immer wieder, und er kehrt zu ihr, dem einzigen menschlichen Anker seines Lebens, immer wieder zurück.

Doch die Liebesgeschichte - obgleich eingängig erzählt und liebevoll gezeichnet - ist es nicht, was dieses Buch zu einem der besten Bücher macht, die mir in den letzten Jahren untergekommen sind. “Die Frau des Zeitreisenden” ist weit mehr als eine Liebesgeschichte, sie ist - obschon sie das Element der Zeitreise nutzt - weder Science Fiction noch Fantasy, und obwohl es Niffenegger gelingt, trotz der vielschichtigen Erzählstränge (oder richtiger: durch sie) einen mehr als fesselnden Spannungsbogen aufzubauen, ist das Buch kein Krimi. Es ist einfach nur ein erschreckend guter Roman - erschreckend deshalb, weil es eines dieser Bücher ist, bei dem man sich fragt, warum es nicht schon viel früher geschrieben wurde. Niffeneggers Umsetzung des Zeitreise-Motivs, die Frage, die sie ins Zentrum ihrer Erzählung stellt, ist so einfach wie genial - und trägt das Buch nicht nur, sondern verleiht der Erzählung Flügel.

“Die Frau des Zeitreisenden” ist ein besonderes Buch, spannend, traurig, düster - vor allem aber ist es Niffenegger gelungen, eine Erzählung zu schaffen, in die man sich als Leser vertrauensvoll fallen lassen kann. Keinen der Fäden, den sie spinnt, verliert sie oder löst ihn nicht auf. Das Buch ist brillant konzeptioniert, was bei den vielen Erzählsträngen alles andere als selbstverständlich ist. Den dunklen Schatten, der über der Liebesgeschichte liegt, ahnt der Leser früh (und die Protagonisten mit ihm), und doch löst sich das Rätsel um jene Sommernacht, in der Claire als junges Mädchen mit dem Gefühl erwacht, etwas Schreckliches sei geschehen, ohne es zuordnen zu können, erst ganz zum Schluß - entsetzt und überzeugt gleichermaßen und schafft es ganz nebenbei, zu Tränen zu rühren, die man gern vergießt. 

Auch Audrey Niffeneggers Seite ist einen Besuch wert.

Da nimmt es nicht Wunder, daß Brad Pitt und Jennifer Aniston sich bereits die Filmrechte haben sichern lassen.

Kurz und knapp: Hut ab, Frau Niffengger!
Und an alle Leser eine Empfehlung von Herzen: Kaufen, sich ein langes Wochenende reservieren, lesen! Und lassen sie sich nicht von dem Cover abschrecken: Es täuscht. “Die Frau des Zeitreisenden” ist viel mehr als eine romantische Liebesgeschichte. Vor allem nämlich ist sie eines: Ein packender, bis zur letzten Seite fesselnder, wirklich guter Roman - in dessen Genuß anbei auch meine Mutter noch kommen wird; nächstes Weihnachten ;-)

Audrey Niffenegger: Die Frau des Zeitreisenden. Fischer 2005. 543 Seiten. 9,95 Euro (Softcover)
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit.

Thema: Liebe, Leben, Tod, Zeitreise und noch viel mehr

  Momo Evers am 01.04.2006 | |
Belletristik

Mark Dunn: Nollops Vermächtnis (mare buchverlag)

Mit der Übersetzung von Nollops Vermächtnis ist dem Übersetzer Hennig Ahrens ein großer Wurf gelungen, denn der Titel birgt mehr als eine echte Herausforderung.

Auf einer fiktiven Insel leben, abgeschieden von der restlichen Welt, Menschen nach ihren eigenen Gesetzen. Über Wohl und Wehe entscheidet der Inselrat, und dieser entscheidet immer im Sinne des verstorbenen Nollop, dessen Statue auf dem Marktplatz thront, auf seinem Lebenswerk: einem Pangramm, einer Wortfolge, die alle Buchstaben des Alphabets enthält.
Zwar zeugt der Satz “Keiner schoss fixer als Jung Sybille das Kaul von Quappe mit der Zwille” nicht gerade von sprachlicher Eleganz, aber die Nollopier sind dennoch stolz auf ihren Gründer.

Doch eines Tages fällt eine der Kacheln das Pangramms zu Boden: das Z.
Der hohe Rat beschließt, daß dies ein Zeichen Nollops sei und die Inselbewohner fortan das Z aus ihrem Sprach- und Schriftgebrauch verbannen müssen. Bei Nichtbefolgen drohen Pranger, Auspeitschen, Ausgewiesenwerden oder gar die Todesstrafe.
Dummerweise fallen in den kommenden Tagen und Wochen immer mehr Buchstaben des Pangramms zu Boden, bis den Inselbewohnern schließlich nur noch 6 Buchstaben des Alphabeths zu einer verstümmelten Kommunikation bleiben und ihnen endlich eine rettende Idee kommt, mit der sich der Wahnsinn rückgängig machen läßt.

Das Buch ist ein Briefroman, und so erlebt der Leser die Schwierigkeiten und Nöte, bei der Kommunikation mit immer weniger Buchstaben auszukommen, hautnah mit.
Dieser Aspekt des Buches ist gelungen, unterhaltsam und läßt wie gesagt den Hut tief vor der Leistung des Übersetzers ziehen.

Der Plot hingegen kann nicht vollends überzeugen, denn Todesstrafen und Auspeitschungen wollen zu dem Bildungswillen und der Bildungsfreude des ansonsten nur rudimentär charakterisierten Inselstaates nicht so recht passen. Zwar sind Aldous Huxley oder George Orwell klar als geistige Paten der Idee zu erkennen, aber das Setting will nicht ganz zur Umsetzung passen, wirkt zu wenig durchdacht und ausgearbeitet.

Für Sprachliebhaber ist Nollops Vermächtnis dennoch ein Buch, das zu lesen vom Plot her zwar nicht zu fesseln vermag, sich vom Spaß an der Auseinandersetzung mit Sprache her aber zu lesen lohnt.

Mark Dunn kommt aus Memphis, schreibt Theaterstücke und lebt in New York. Nollops Vermächtnis ist sein erster Roman.

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Mark Dunn: Nollops Vermächtnis. mare buchverlag 2004. 240 Seiten. 19,90 Euro (Hardcover)
Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens.

Thema: Sprache, staatliche Unterdrückung

  Momo Evers am 16.02.2006 | |
Belletristik

David Nicholls: Keine weiteren Fragen (Kein & Aber)

Die Schweizer von Kein & Aber sind ein noch recht junges Verlagshaus, dem mit seinem Programm vorab ein generelles Lob gebührt.

Der Klappentext von Nicholls optisch ansprechend gestaltetem Buch ist zitierenswert und zugleich ein Auszug aus dem Erzähltext:
“Bei verschiedenen Gelegenheiten in meinem Leben habe ich mich gefragt, ob ich ein Grufti, schwul, jüdisch, katholisch oder manisch-depressiv sein könnte, ob ich vielleicht adoptiert wurde oder ein Loch in der Herzwand habe oder die Fähigkeit, allein durch Willenskraft Gegenstände zu bewegen. Jedes Mal mußte ich zu meinem großen Bedauern konstatieren, nichts von alledem zu sein.”

Brian Jackson, liebenswert normal, Akne-geplagt und gleichermaßen voller Selbstzweifel und gutmütiger Selbstironie, verbringt sein erstes Jahr an der Universität.
Seine Ziele: Keine Vorlesung verpassen, sich für die University Challenge (ein Ratequiz, das im Fernsehen ausgestrahlt wird) zu qualifizieren und zu gewinnen - und sein Liebesleben auf Trab zu bringen.

All das gestaltet sich schwieriger, als Brian zunächst vermutet hat. Obschon er sein Bett zu einem Futon umgestaltet (indem er verwegen die Matratze auf den Boden legt), er in bierbesudeltem Kopf eine Michael Jackson-reife Tanzleistung auf das Parkett zu legen versucht (und sich dabei gnadenlos blamiert) und das schönste Mädchen der Universität (Alice, die ohne Frage aussieht wie eine blonde Kate Bush, leider aber mehr Verehrer als Brian Aknenarben hat) ihn zwar zu mögen scheint und in seinem Bett schlafen, dann aber doch den zweitklassigen Schauspieler aus dem Kleiderschrank läßt, will es einfach nicht so richtig etwas werden mit Liebe und Erfolg. Ganz zu schweigen davon, daß viele der wohldurchdachten Selbstinszenierungen in der Praxis dann doch nicht die erhoffte Wirkung zeigen. 
Und so lawiert Brian sich mit herzerfrischender Eigenartigkeit - im buchstäblichen Wortsinn - von Katastrophe zu Katastrophe und gewinnt schließlich doch das Herz des Mädchens, das zumindest der Leser in ihrer burschikosen Bärbeißigkeit von Anfang an zu seinem Favoriten gekürt hat.

“Keine weiteren Fragen” ist ein Buch für Kinder der 80er Jahre - wer damals jung war, sieht seine Jugend vor sich ausgebreitet, und zwar in einer klaren, pointierten Sprache und mit anrührendem Humor. Daß aus den Gedanken des jugendlichen Protagonisten ohne Frage die Abgeklärtheit des Autors spricht, für den alle Unwägbarkeiten des Erwachsenwerdens schon Jahrzehnte zurückliegen, schmälert das Lesevergnügen nicht.

Ein herrliches Buch für eine lange Zugfahrt oder einen Tag am Strand und unbenommen hervorragende Unterhaltungslektüre.

David Nicholls wurde 1966 geboren, lebt in London und “Keine weiteren Fragen” ist sein erstes Buch. Tom Hanks sicherte sich bereits die Filmrechte.

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David Nicholls: Keine weiteren Fragen. Kein & Aber 2005. 484 Seiten. 22,80 Euro (Hardcover)
Aus dem Englischen von Ruth Keen.

Thema: Erwachsenwerden, Anerkennung, seinen Platz im Leben finden, Studium, Selbstfindung, Selbstdarstellung, Frauen und Männer und die erste große Liebe

  Momo Evers am 16.02.2006 | (0) Trackback/s |
Belletristik

Sally Gardner: Ich, Coriander (cbj) - Jugendbuch

Rein äußerlich ist »Coriander« ein herausragend schöner Titel. Die Covergestaltung ist sowohl optisch als auch haptisch rundum gelungen und lädt gleich zum Kauf ein, stimuliert dazu, das Buch in der Hand zu halten und darüber zu streichen.
Die Geschichte selbst zeichnen die Jugendbuchmacher von Bertelsmann mit einem »ab 10 Jahren« Stempel aus. Erzählt wird das Leben des Mädchens Coriander, die an den Ufern der Themse aufwächst, deren Mutter eine Fee und deren Vater ein Mensch ist. In sieben Nächten, im Lichtschein von sieben Kerzen, erzählt Coriander in sieben Kapiteln von ihrer glücklichen Kindheit, von den silbernen Schuhen, von ihrem ersten Besuch in der Anderswelt, in der sie die böse Fee Rosmore und ihren Raben kennenlernt. Vom Tod ihrer Mutter, vom Zerfall ihrer Familie, von dem Grauen, das Oliver Cromwells Herrschaft über England bringt. Von der Verlogenheit der Puritaner, von dem Feenschatten ihrer Mutter, mit dem Coriander die Feenwelt heilen und die Liebe ihres Lebens retten kann. Von ihrer unglaublich bösen und ungerechten Stiefmutter und ihrer vom Leben gezeichneten Stiefschwester, die schließlich doch ihr Glück findet. Vom Hin- und Hergerissen sein zwischen Verantwortung und Angst, zwischen Diesseits und Feenwelt.

All das sind schöne Elemente, dennoch überzeugt das Buch letzten Endes nicht. Schuld daran ist Gardners Sprache. Die Erzählung holpert, ist oft zu flach, reißt Stimmungen nur an und ist schon wieder bei einem neuen Gefühlsaspekt und hat den Leser abgehängt. Die Protagonistin Coriander schreibt zwar aus der Retrospektive, aber ihre Figur wirkt nicht rund, bleibt in der Charakterzeichnung unentschlossen, skizzenhaft und nicht greifbar, ihr Schicksal rührt nicht das Herz, obschon ihre Geschichte die besten Voraussetzungen dazu bietet.

So heißt es etwa (auf Seite Seite 262):
»Die silbernen Schuhe unter meinem Wams drückten an meine Brust, ich hörte die süße Stimme meiner Mutter rufen, und da wurde mir klar, dass ich zurückkehren und meinen Vater suchen musste. Schon um meiner Mutter willen musste ich mein kindliches Verlangen unterdrücken, Ihretwegen musste ich eine Frau werden und meine Aufgaben im Leben annehmen.
“Ist es nicht schon sehr viel, dass wir uns getroffen und ineinander verliebt haben?”
“Nein”, erwiderte Tycho. “Ich spüre genau, dass ich nur mit dir vollständig bin. Ohne dich ist der kleine Junge in mir für immer verloren.”
“Ich muss zurückkehren”, sagte ich.
“Das weiß ich”, antwortete er seufzend, gab mir einen letzten Kuss und stieg auf seinen Schimmel, um in den Wald zu reiten.«

Eine Frau werden und meine Aufgaben im Leben annehmen? Der kleine Junge in mir ist für immer verloren? Sind das Bilder für Leser ab 10? Wohl eher nicht. Ebenso wenig wie viele weitere Aspekte der Geschichte.
Dass der Verlag sich für eine Einstufung ab 10 entschied, liegt gewiss an der sehr einfachen, kurz-satzigen Sprache Gardners. Vielleicht auch an deren unbedarfter Übersetzung, aber um dies beurteilen zu können, müsste man das englische Original zum Vergleich hinzuziehen.

Fazit: Eine hübsche Idee, stimmungsvolle Elemente, ansprechende Figurenideen – leider aber eine Autorin, der es nicht gelungen ist, ihren Bildern wirklich Leben einzuhauchen.

Sally Gardner stammt aus London und litt unter Dyslexie (Buchstabenblindheit). Ihr Umfeld hielt sie fälschlich für lernbehindert, weshalb sie Lesen und Schreiben erst mit 14 Jahren lernte. Sie studierte an der Kunstakademie und arbeitete als Illustratorin. »Ich, Coriander« ist ihr erster Roman

(zu sehen ist das Cover des englischen Buches von Orion Children’s Books, London)

Sally Gardner: Ich, Coriander. cbj 2006. 320 Seiten. 12,90 Euro (Hardcover)
Aus dem Englischen von Anne Braun.

Thema: Familie, Märchen, Historisches England (17. Jhdt)

  Momo Evers am 01.02.2006 | (0) Trackback/s |
Phantastik

Zoran Drvenkar: Du bist zu schnell (Klett Cotta)

Eigentlich schreibt Zoran Drvenkar Jugendbücher, und zwar bei Carlsen. Das macht er, anbei bemerkt, ziemlich gut. Mit “Du bist zu schnell” legte er 2003 seinen ersten Titel für Erwachsene vor, und dieser ist fast noch besser als seine Titel für Jugendliche.

“Du bist zu schnell” erzählt die Geschichte von Val, Marek und Theo. Theos Freundin ist tot, Val findet sie in ihrer Badewanne und Marek findet die komplett aufgelöste Val, die seine Geliebte ist und die beste Freundin von Theos Freundin war.
Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem Mörder, doch dieser ist nicht leicht zu finden, obschon Val weiß, wer es war: Es waren „Die Schnellen“, Menschen, die sich so schnell bewegen, daß man sie nicht sehen kann. Nur manchmal zeigen sie sich – und meist ist Val allein, wenn sie sie sieht. Die Schnellen fügen ihr Schmerzen zu, und Val fürchtet sich vor ihnen. „Ich lasse dich nicht allein“, sagt Marek, und er hält sein Versprechen. Auch wenn niemand ihr glaubt: Marek und Theo glauben ihr. Doch mit der Zeit zeigen sich Ungereimtheiten auf allen Seiten, das Mißtrauen untereinander wächst. Wer lügt? Wer sagt die Wahrheit? Und wer von den Dreien wird die Suche nach den Schnellen überleben?

Zoran Drvenkar erzählt die Geschichte aus den wechselnden Perspektiven seiner drei Protagonisten und zieht den gebannten Leser immer weiter hinein in einen Strudel aus Verdächtigungen und Mißtrauen, aus Angst und Verzweiflung.

Drvenkar ist gebürtiger Kroate und lebt seit seinem dritten Lebensjahr in Berlin. Seine Bücher wurden bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Wer den Autor noch nicht kennt, sollte den Titel auch dann lesen, wenn er den klassischen Krimi oder Thriller für gewöhnlich nicht schätzt, denn “Du bist zu schnell” ist kein klassischer Krimi. Dafür ist das Sprachniveau zu hoch, die Geschichte zu dicht, die Bilder sind zu intensiv. Keine leichte “Klolektüre” also, sondern ein Buch, das man auch gern ein zweites Mal zur Hand nimmt, das man aus Überzeugung (und nicht als Notlösung) weiterverschenken möchte und das man sogar zu einem seiner Lieblingsbücher zu küren bereit ist.

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Zoran Drvenkar: Du bist zu schnell. Klett Cotta 2003. 287 Seiten. 19 Euro (Hardcover)
Im Taschenbuch bei dtv (8,90 Euro)

Thema: Vertrauen, Verlustangst, Liebe, Krankheit

  Momo Evers am 07.11.2005 | (0) Trackback/s |
Krimi

Nicky Singer: Auf einem schmalen Grat (dtv extra)

Tilly ist 15 Jahre alt. Sie hatte mal eine Mutter, die besonders war, die Größte auf dem Markt, wo sie Puppen verkaufte. Eine Mutter, die auf einem Motorrad zur Schule kam, um ihre Tochter abzuholen. Eine laute, eine starke Mutter. Doch diese Mutter ist fort. Diese Mutter ist gestorben. Tillys Vater ist ihr fremd geworden, und ihre Großmutter, die Tilly liebt, kann ihr nicht nahe sein, ist stets um Haltung bemüht und lebt nur in ihren (durch und durch perfekten) Erinnerungen an ihren verstorbenen Mann. Tillys Freundin Mercy (schön, reich und glücklich) hat Tilly den Rücken zugewandt und hält sie für verrückt. Alles, was Tilly geblieben ist, ist eine Puppe aus den Kleidungsstücken ihrer Mutter. Eine Puppe, die sie zu falschen Entschlüssen treibt. Die sie wahnsinnig macht. Wie ihr ganzes Leben, das sie fortzureißen droht in einem Strudel aus Vorwürfen, Lüge und Verdrängung.

Jan ist 15, und er hat eine Mutter, die ihn liebt. Und eine zweite, die ihn fortgegeben hat. Jan ist adoptiert. Und alles, was ihn an seine leibliche Mutter erinnert, ist eine kleine Puppe, ohne Arme, zu schwach, um jemanden darin zu halten.

Jan und Tilly balancieren auf einem schmalen Grad. Eine Eisenbahnbrücke ist für beide der Ort, an den sie sich zurückziehen. Ein Ort, an dem man sterben könnte. Oder sich für das Leben entscheidet.

Jan sieht Tilly, und er weiß, daß sie einen Schritt weiter ist als er. Noch einen Schritt verzweifelter, wütender.
Er verliebt sich in sie. Doch er verliebt sich auch in Mercy, bewundert sie aus den gleichen Gründen, aus denen Tilly sie liebte. Denn Mercy ist frei. Jan und Tilly aber sind es nicht.
Und obschon sie nie wirklich miteinander gesprochen haben, helfen sich Jan und Tilly gegenseitig, aus dem Gefängnis ihrer eigenen Lügen auszubrechen und einen ersten Schritt in eine neue Richtung zu wagen: Liebe und Vertrauen in einen anderen Menschen aufzubauen, der sie um ihrer selbst Willen liebt und ihnen so den Mut gibt, für sich selbst stark zu sein.

Die Britin Nicky Singer legt mit Auf einem schmalen Grat ihren zweiten Jugendroman (nach Norbert Nobody; auch dtv) vor. Obschon das Buch ergreifende Passagen hat, zu fesseln vermag und die dunkle Wut der Protagonistin Tilly sehr nah und mitreißend, fast schon beunruhigend geschildert wird, überzeugt die Geschichte nicht vollständig. Am Ende geht alles einfach zu schnell. Was langsam aufgebaut wurde, löst sich zu leicht. Und vieles fügt sich so märchenhaft, daß es unglaubwürdig wirkt und nicht zum ansonsten realistischen Grundtenor der Erzählung passen will. Fast wirkt es, als hätte der Autorin auf den letzten 30 Seiten ein kleines Männchen im Ohr gesessen und geflüstert: “Wir brauchen ein Happy ending. Und zwar schnell.” Dieses glückliche Ende auf kleinstem Raum umzusetzen, ist Nicky Singer gelungen. Leider hängt sie den Leser dabei emotional ab.
Und so ist aus Auf einem schmalen Grat ein Buch geworden, das gelesen zu haben man nicht bereut, dem für eine Weiterempfehlung von Herzen aber 30 bis 40 Seiten mehr gefehlt hätten, um den Plot zu einem runden, stimmigen Ende zu bringen.

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Nicky Singer: Auf einem schmalen Grat. dtv extra 2005. 189 Seiten. 7,50 Euro (Taschenbuch)

Thema: Alkoholismus, Adoption, Angst vor Verlust, Verdrängung, sich den eigenen Ängsten stellen

  Momo Evers am 27.06.2005 | (0) Trackback/s |
Jugendbuch

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