Lektor und Autor - eine Haßliebe?

Der Mensch läßt sich lieber durch Lob ruinieren,
als durch Kritik verbessern.
George Bernhard Shaw, irischer Kritiker und Dramatiker

veröffentlicht in:
Federwelt, Zeitschrift für Autoren und Autorinnen, Nr. 43 (2004)

Vom Schleifen seltener Edelsteine

Lektor und Autor
Eine Haßliebe?

Lektoren - sind das nicht diese ewigen Quengelköpfe, denen man den eigenen Text voll Herzblut und Hoffnung anträgt, und die es einem im besten Fall mit einer Standardabsage danken? Jene Hyänen, die ewig etwas zu Mäkeln haben und nie ein gutes Wort finden? Verlagsschergen, die nur auf Verkaufszahlen und Marktkompabilität schielen und denen zu neuen, ungewöhnlichen Projekten sowieso der Mumm fehlt? Schauen wir uns diese »Spezies mit dem Rotstift in der Hand« einmal etwas genauer an.
Sie machen bitte was?

Die häufigsten Reaktionen auf die Aussage »Ich bin Lektor« ist ein »Sie machen bitte was?« oder ein »Ah, ich verstehe: Besserwisser und Berufsnörgler«. Wer nicht schreibt, kennt den Lektor häufig nicht, wer veröffentlichen möchte, dem wird er nach der x-ten Absage allzu oft zum Feindbild.
Das ist fatal für alle Beteiligten. Kritik ist Balsam für einen Text (wenn auch nicht immer für die Seele des Autors). Und ein guter Lektor wird stets bemüht sein, konstruktive Kritik zu üben. Der offene Umgang mit dieser Kritik, die selten als Dogma und viel häufiger als Vorschlag daher kommt, nutzt nicht nur dem Werk, sondern kommt auch den Chancen des Autors auf eine Veröffentlichung zugute - beim ersten Verlagskontakt und auch bei allen weiteren. Denn nicht nur der Autor, sondern auch der Lektor (sei er nun freiberuflich tätig oder in einem Verlag fest angestellt) möchte vor allen Dingen eines machen: gute Bücher. Das ist allerdings gar nicht mal so leicht.

Von Schriftstellern und Autoren

Seit immer mehr Menschen über einen Computer verfügen, ist die Manuskriptflut, die Verlage und Agenturen tagtäglich erreicht, zu einem Orkan geworden. Unzählige Schreibwütige produzieren heutzutage seitenlange Wälzer, Gedichte, Geschichten und Biographien. Einige dieser Autoren verfügen tatsächlich über das Durchhaltevermögen und kommen bis zum letzten Satz ihrer Erzählung. Schreiben ist für viele ein schönes und kreatives Hobby. Das Ergebnis der Plackerei erfreut Freunde, Verwandte oder den Autor selbst. Und doch führt kein Weg an der Wahrheit vorbei: Viele dieser Texte sind nicht zur Veröffentlichung in einem Verlag geeignet.

Es gibt viele Menschen, die gerne kochen. Nicht alle arbeiten als Koch.
Es gibt viele Menschen, die mit Begeisterung malen oder zeichnen. Nicht alle sind Illustratoren oder stellen in Galerien aus.
Es gibt viele Menschen, die schreiben. Nicht alle veröffentlichen ihre Texte.
Anders gesagt: Nicht jeder Autor ist auch ein Schriftsteller.

Die Schriftstellerei ist ein Handwerk. Allen erfolgreichen Schreiberlingen ist gemein, daß sie sich über eine lange Zeit hinweg kontinuierlich auf die ein oder andere Art mit Sprache und Schreiberei beschäftigen, ehe sie ihr erstes Werk veröffentlichen.
Vom Hobbyautoren zum Verlagsschriftsteller ist es ein weiter, steiniger und arbeitsaufwendiger Weg. Der lohnend sein kann – wenn man sich wirklich zur Schriftstellerei berufen fühlt, sprich: wenn man das Handwerk des Schreibens erlernen will - sei es nun »nebenbei« oder hauptberuflich. Die erste Lektion in diesem Lernprozeß ist zugleich die schwierigste: Kritikfähigkeit zu lernen.

Alles nur Schikane?

Es ist richtig: Nicht wenige Werke, die später Bestseller wurden, haben ihren Sprung in die Druckerpresse lediglich der unerschütterlichen Hartnäckigkeit ihres Autors zu verdanken. Umberto Ecos »Der Name der Rose«, Robert Schneiders »Schlafes Bruder«, J.K. Rowlings »Harry Potter«, J.R.R, Tolkiens »Herr der Ringe« - sie alle wurden mehrfach als »unlukrativ« abgelehnt und erhielten von vielen - sowohl kleinen als auch renommierten - Verlagen den freundlichen Brief »… paßt leider nicht in unser Verlagsprogramm…«. Ein Werk hat es – in Anbetracht der Heerscharen von Manuskripten, die auf den Markt drängen – nicht leicht, mit der gebührenden Aufmerksamkeit betrachtet zu werden.

Die erste Hürde ist hier das Exposé. Ein gutes Exposé beinhaltet Markteinordnung und Zielgruppenspezifikation, einen kurzen inhaltlichen Abriß, die Vorstellung der wichtigen Charaktere und ihrer Entwicklung im Text, einen Szenenablauf sowie eine möglichst fesselnde Textprobe. All dies - versehen mit einem Ansprechpartner, einer Seitennummerierung und den Kontaktdaten des Absenders auf jeder Seite (kein Scherz - nicht selten fehlen diese Angaben, und einige Werke konnten deshalb nie realisiert werden, auch wenn der Verlag durchaus interessiert war) erhöht die Chance, daß das vorgeschlagene Werk das Interesse des Lektors weckt.
»Aber warum«, so wird man oft gefragt, »nehmen die Lektoren sich nicht Zeit, jede Einsendung gebührend zu prüfen? Schließlich werden sie doch dafür bezahlt!« Die Antwort ist einfach, denn die Annahme ist falsch. Lektoren werden heutzutage nicht mehr für die Manuskriptsichtung bezahlt. Sie erledigen dies eher »zwischen Tür und Angel« - und nicht selten in Überstunden in der heimischen Badewanne.

Aus dem Arbeitsalltag eines Lektors

Wie so viele Berufsbilder, hat sich in den letzten Jahrzehnten auch das des Lektors gewandelt. Der Traum von dem Lektor, der sich viel Zeit für jeden einzelnen Exposéeingang nehmen und »seine« Autoren hernach eng (und fördernd und jederzeit ansprechbar) in ihrem Schreibprozess begleiten kann, ist leider vielerorts ausgeträumt. Verlagslektoren übernehmen häufig vor allem redaktionelle Aufgaben. Sie planen, konzeptionieren und betreuen Reihen, sie sind verantwortlich für die Gestaltung des Verlagsprogramms und somit auch zu guten Teilen für den »Kurs«, den der Verlag einschlägt, für sein Bild in der Öffentlichkeit. Eine höchst verantwortungsvolle - und somit eine höchst gefährliche Aufgabe. Denn der Lektor muß seine Entscheidung für oder gegen ein Projekt nicht nur vor sich selbst, sondern auch vor der Vertreterkonferenz (jenen Männern und Frauen, die dem Buchhandel gegenüber das Verlagsprogramm vorstellen), dem Marketing (die sich wiederum vor der Finanzabteilung verantworten müssen) und nicht zuletzt vor seinen Vorgesetzten (und Geldgebern) verantworten. Erreicht ein mehrfach bewilligtes Projekt nicht einmal den Break Even (jenen magischen Punkt im Abverkauf, ab dem es schwarze Zahlen schreibt) oder wird ein Projekt abgelehnt, das später in einem anderen Verlag zum Bestseller avanciert, so kann das den Lektor schnell Kopf, Job, guten Ruf - und im schlimmsten Fall das Fortbestehen seines Arbeitgebers kosten.

Sich für ein auf den ersten Blick eher schwieriges, den gegebenen Trends entgegenlaufendes Projekt zu entscheiden, ist insofern für jeden Lektor ein mutiger und ein gewagter Schritt - der gut überlegt sein will.

Leider bleibt im völlig überfüllten Arbeitsalltag zwischen Lizenzverhandlungen, Konferenzen, dem üblichen Bürokram und ständig klingelndem Telefon (oder blinkender Mailbox) sowie der unerlässlichen Beobachtung des Marktes wenig Zeit für reifliche Überlegung. Wird ein Exposé eines unbekannten Autors zur Hand genommen, entscheiden die ersten Sekunden darüber, ob es näher in Augenschein genommen wird oder auf dem Absagestapel landet. Wenn die Buchidee dem Lektor dann tatsächlich gefällt und er Marketing, Vertreterkonferenz und Vorgesetzte auch von seiner Meinung überzeugen konnte, »übernimmt« an dieser Stelle, gerade in großen Verlagen, immer öfter ein Kollege oder eine Kollegin das Projekt - ein freier Lektor, der fortan Autor und Text betreut. Der Verlagslektor aber wendet sich bereits dem nächsten »Fall« zu.

Raspeln, Feilen, Polieren

Ob Verlagslektor oder freier Lektor - mit der Zusage geht für den Autor die Arbeit an seinem Text erst so richtig los. Zunächst einmal werden Szenenverlauf und Figurenführung einer kritischen Prüfung unterzogen.
Gibt es Unstimmigkeiten in der Entwicklung und Beschreibung der Charaktere?
Kann der Spannungsbogen weiter optimiert werden, indem man Aspekte der Handlung strafft, weiter ausbaut, ganz streicht oder Neues hinzufügt?
Sind Sprachstil und Wortwahl der Zielgruppe und dem Verlagsimage angemessen?
Gibt es bereits jetzt erkennbare und kritische Manierismen des Autors, die es anzumerken und auszumerzen gilt?

Diese und viele Punkte mehr können oft schon am Exposé geklärt werden. Nicht selten hat der Autor bis zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als den Entwurf seines Werkes zu Papier gebracht. (Wobei nicht unerwähnt bleiben soll, daß ein unbekannter Autor es schwer haben wird, einen Vertrag zugesandt zu bekommen, ehe das Werk dem Verlag nicht in fertiger Form vorliegt. Logisch - denn schließlich kennt der Verlag den Autor nicht. Viele Werke kommen über die Planungsphase nie hinaus, weil der ehedem hoch motivierte Verfasser plötzlich einer ausufernden »Schaffenskrise« anheim fällt, nicht über die nötige Selbstdisziplin zur Beendigung des Projektes verfügt oder ihm schlichtweg die Zeit fehlt. Ein Buch aber will angekündigt und beworben werden. Bleibt der Verlag auf seiner Ankündigung sitzen, kostet ihn das nicht nur Geld, Zeit und Nerven sondern schadet auch seinem Ruf.)

Sind alle Unklarheiten beseitigt, geht der Autor in Klausur - und schreibt. Im Idealfall ist ihm der Lektor auch hier Ansprechpartner und Korrektiv. Leider ist es ihm nicht immer zeitlich möglich, dieser Aufgabe gerecht zu werden. In jedem Fall aber wird der Lektor sich regelmäßig vergewissern, ob der Abgabetermin gehalten werden kann - denn von ihm hängt das für den Verlag so wichtige Publikationsdatum ab. An diesem wiederum hängen - neben dem Arbeitsplan des Lektors selbst - bereits vereinbarte Termine mit Druckern, Setzern, Korrektoren, der Auslieferung, Händlern … - kurz: ein ganzer »Produktionsrattenschwanz«.

Liegt das fertige Werk vor, kommt die Feinarbeit. Kleinere (und zu Teilen auch größere) Kanten werden ausgemerzt, der Sprachstil verfeinert, Alternativvorschläge werden gemacht. In vielen arbeitsreichen Stunden »fräst« sich der Lektor durch das Werk und läßt den Rotstift (oder: den Überarbeitungsmodus seines Schreibprogramms) rotieren. Ist er damit fertig, geht das Werk an den Autor zurück, der die Änderungen zur Kenntnis nimmt und nach Absprache einarbeitet oder überdenkt - und der schlägt nicht selten die Hände über dem Kopf zusammen.
»Alles rot - wie kann das sein? Ja, ist der Lektor denn noch ganz bei Sinnen?!«
Oft wird dabei von dem zürnenden Autor ein kleiner aber entscheidender Punkt vergessen: Viele Anmerkungen machen dem Lektor viel Arbeit. Er wird aber im Normalfall pro bearbeiteter Manuskriptseite (1800 Zeichen inklusive Leerzeichen) oder Normseite (1500 Zeichen inklusive Leerzeichen) bezahlt. Und zwar unabhängig davon, wie lange er an dieser Seite sitzt, feilt und brütet.
Das fertige Buch ist nach Außen hin in erster Linie der Triumph des Autors. Der Name des Lektors erscheint - wenn überhaupt - in 8 Punkt im Impressum. Dem Ego des Lektors nutzt es also nichts, wenn er viele Anmerkungen macht. Seinem Geldbeutel auch nicht.
Viele Anmerkungen zeugen von viel Einsatz des Bearbeiters. Und von seinem Wunsch, aus dem Text des Autors das Bestmögliche herauszuholen. Und das, obwohl ihm im Normalfall niemand dafür lobend auf die Schulter klopfen wird. Im Gegenteil - oft ist ihm stattdessen der Groll des Autors gewiß.
Schade eigentlich.

Glückswurf

Hat der Autor die Überarbeitungen eingelesen (und wenn nötig über strittige Punkte mit dem Lektor konferiert, wobei der Lektor in vielen Fällen für Alternativvorschläge des Autors mehr als ein offenes Ohr hat), geht das Werk ins Endkorrektorat. Der Korrektor schaut noch ein letztes Mal nach Grammatik-, Form- und Rechtschreibfehlern, ehe er es dem Setzer übergibt.

Traurig aber wahr: Nicht jedem Werk wird so viel Aufmerksamkeit zuteil. Gerade bei für Reihen produzierte Werke oder »Low Budget« Publikationen bleibt oft so wenig Zeit, daß ein Lektor Wunder vollbringt, wenn er sich dennoch intensiv um Autor und Werk bemüht. Nicht selten ist nur ein Korrekturlauf möglich, und Lektor und Korrektor vereinen sich in einer Person und einem Arbeitsschritt.

Das Fazit? Dieser kurze Einblick in den Lektorenalltag möchte Autor und Lektor gleichermaßen Mut machen, weiterhin und allen Hindernissen zum Trotz an ihrer Passion festzuhalten: Der konstruktiven Arbeit mit Texten, dem Schleifen jener seltenen Edelsteine, die den Leser informieren, motivieren, inspirieren, amüsieren, in fremde Welten entführen, ihn zu Tränen rühren oder auf unzählige erdenkliche Weisen mehr gut unterhalten.
Auch wenn nicht aus jedem Autor, der je mit einem Lektor in Verbindung tritt, ein Schriftsteller werden wird: Es ist beiden Seiten viel geholfen, wenn Autor und Lektor gleichermaßen zu schätzen wissen, wie man an einem Projekt arbeitet: gemeinsam, mit dem selben Ziel und Hand in Hand.

© Momo Evers