Was ist eigentlich ein Exposé?

Die Verlagsbranche ist zunächst einmal ein Wirtschaftsbetrieb wie jeder andere auch. Diese Erkenntnis mag auf den ersten Blick ein wenig ernüchternd wirken. Auf den zweiten Blick aber kann sie hilfreich sein.

Ein eingängiges Beispiel kann dies verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, Sie möchten ein Haus erwerben. Sie werfen einen Blick in diverse Tageszeitungen - und finden dort massenweise Kaufobjekte. Nun haben Sie aber nicht unbegrenzt Zeit, jedes Angebot genau unter die Lupe zu nehmen. Die Frage ist: Welches Haus sollen Sie sich genauer ansehen, welches ziehen Sie in die engere Wahl? Zunächst einmal werden Sie nach den Eckkriterien Ausschau halten: Welches Objekt entspricht grob Ihren Anforderungen in Typ, Baujahr, Ausstattung, Preis und anderem? Sie sortieren aus, und noch immer behalten Sie vierzig Angebote übrig. Welche fünf werden Sie sich ansehen? Vermutlich jene, deren Beschreibung Sie inspiriert, zum Träumen anregt, Lust darauf macht, den Hörer in die Hand zu nehmen und genauer nachzufragen.

Ein Exposé erfüllt einen ähnlichen Zweck. Es soll dem Verlag (konkret: dem Lektor, der in einem Verlag dafür zuständig ist, die eingehenden Exposés zu prüfen) ermöglichen, eine erste Auswahl unter den Unmengen von möglichen ‘Kaufobjekten’ zu treffen.

Das bedeutet für Sie: Wenn Sie die Chance vergrößern möchten, dass die Wahl des Lektors auf eine genauere Inspizierung gerade Ihres Werkes fällt, sollten Sie die größtmögliche Sorgfalt in die Erstellung Ihres Exposés legen. Vergessen Sie nicht: Es ist Ihre Visitenkarte und Ihre einzige Chance - zumindest für dieses Produkt in diesem Verlag und zu diesem Zeitpunkt.

Aus dieser Erkenntnis folgt ein weiterer, wichtiger Punkt: Jedes Exposé sollte individuell erstellt und auf den Verlag zugeschnitten sein, bei dem es eingereicht. wird. Wenn Sie sich selbst für eine Arbeitsstelle bewerben würden, würden Sie schließlich auch nicht auf die Idee verfallen, ein und dieselben Bewerbungsunterlagen (lediglich mit geänderter Anschrift) an McDonalds, die Deutsche Bank und das Kinderhilfswerk zu versenden. Genauso wie diese Firmen hat auch jeder Verlag ein eigenes Profil, das Sie recherchieren und auf das Sie eingehen sollten. Doch noch ehe Sie sich einen Verlag auswählen (und Anschreiben sowie Exposé auf diesen zuschneiden können), müssen Sie sich selbst über einige Dinge im Klaren werden. Denn: Ein Exposé ordnet Ihr Buch nicht nur für den Lektor. Es ordnet Ihr Buch auch für Sie, für den Schreibenden, selbst.

Folgende Schritte helfen auf dem Weg zur Erstellung Ihres Exposés:

Schritt 1

Wählen Sie einen möglichst griffigen Titel für Ihr Werk, schreiben Sie ihn auf, und setzen Sie darunter den Vermerk: (Arbeitstitel)

Schritt 2

Definieren Sie Zielgruppe und Genre
Wer soll Ihre Bücher lesen? Am liebsten natürlich: jeder. Klar. Und trotzdem hat nahezu jede Veröffentlichung eine bevorzugte Zielgruppe. Diese orientiert sich meist an dem Genre, in dem das Buch sich thematisch bewegt. Ein Beispiel: »Kinderbuch« ist kein Genre. »Abenteuergeschichte« oder »Märchen« sind aber sehr wohl eines. Wenn Sie nun Genre und Leserkreis kombinieren, erhalten Sie Ihre Zielgruppe. Zum Beispiel: »Abenteuerroman mit Piratenthematik für Jugendliche und Junggebliebene ab zehn Jahren«.
Eventuell hilft Ihnen diese Einordnung auch bei der Frage weiter, ob Ihr Werk gut in eine Reihe oder bereits bestehende Sparte des Verlagsprogramms Ihres Wunschverlages passen könnte.
Wenn das Thema von hoher Aktualität ist und ein Erscheinen parallel zu einem bestimmten anderen Event die Verkaufszahlen erhöhen könnte (Mahler starb vor hundert Jahren, fünfzig Jahre Mauerfall etc. ), vermerken Sie dies auch kurz und knapp zu Beginn Ihres Exposés.

Schritt 3

Definieren Sie das in Ihren Augen günstigste Format Ihres Werkes (Reihen - oder Einzeltitel?, grober Umfang in Manuskriptseiten - siehe Kasten ‘Das Wunder der Manuskriptseiten’). Und: Bleiben Sie bei Ihrer Einschätzung realistisch.

Schritt 4

Definieren Sie Ort und Zeit des Geschehens (zum Beispiel: Deutschland März bis August 1943, auf der Insel Wangerooge) sowie Erzählperspektive (zum Beispiel: aus Sicht eines 15-jährigen Jungen, der seinen geliebten Bruder durch den Krieg verliert) und Erzählweise (zum Beispiel: Ich-Erzähler)

Schritt 5

Fassen Sie Ihr Werk in wenigen (idealerweise einem bis drei) Sätzen zusammen. Orientieren Sie sich an der Aufmachung eines (guten!) Buchrückentextes (im Fachjargon “U4” genannt - Umschlagseite 4).

Schritt 6

Präsentieren Sie eine Übersicht Ihrer wichtigsten (!) Figuren. Charakterisieren Sie diese kurz, und skizzieren Sie ihre Entwicklung im Rahmen Ihrer Erzählung (Beispiel: Kurt, 10 Jahre alt, ist Protagonist der Handlung. Er ist überzeugtes Mitglied der Hitlerjugend und begeistert von den Aktivitäten der Gruppe. Sein älterer Bruder Jürgen ist ihm leuchtendes Vorbild. Doch eines Tages kehrt Jürgen aus dem Krieg heim - zutiefst verbittert, Arme und Beine von Minen zerfetzt und mittlerweile überzeugter Gegner des Systems. Kurt ist entsetzt. Ist sein Bruder ein Verräter? Muss er ihn anzeigen? Erst, als die Eltern sich offen gegen den Bruder stellen, fällt Kurt eine Entscheidung.)
Für Nebenfiguren reichen Einträge wie: Friederike, Kurts und Jürgens Schwester, Ärztin

Schritt 7

Gestalten Sie eine Übersicht aller Kapitel in kurzen Stichworten.
(Beispiel: Kapitel 1. Kurt sitzt mit seiner HJ-Gruppe am Lagerfeuer; der Reichsfunk läuft, Hitler hält eine Rede an das Volk, die Jungen applaudieren johlend. Die Stimmung steigt, jeder erzählt von Verwandten, die an der Front sind und für das Vaterland kämpfen. Kurt erzählt von Jürgen und liest einen Brief des Bruders in Auszügen vor. Seine Freunde zollen ihm Respekt. Plötzlich ertönt ein Schrei. Völlig aufgelöst und zitternd vor Angst erreicht Samuel, ein Junge aus ihrer Klasse, die Lichtung. Er bittet sie unter Tränen, ihm zu helfen: »Bitte, sie wollen uns abholen!« Hinter ihm ist in der Dunkelheit lautes Rufen zu hören: Soldaten suchen den Jungen.)
Fassen Sie sich kurz, und achten Sie darauf, dass jedes Kapitel mit einem ‘Cliffhanger’ (einem spannenden Moment mit ungewissem Ausgang) endet.
Außerdem wichtig: Die Perspektive, aus der das Kapitel geschrieben ist. Anders gesagt: Durch wesssen Augen schauen wie als Leser, wenn wir den Text lesen?

Schritt 8

Präsentieren Sie nun eine Leseprobe Ihres Textes. Das erste Kapitel bietet sich an. Achten Sie auf den ersten Satz - er ist sehr wichtig für Ihren gesamten Text. Auch sollte die Geschichte schnell »Fahrt aufnehmen« und den Leser in seinen Bann schlagen können. Wichtig: Vermeiden Sie passive Erzählkonstruktionen sowie allzu viele Hauptwörter, lange Schachtelsätze und ein Übermaß an Adjektiven. Beschreiben Sie wenig, lassen Sie den Leser Geschehnisse lieber direkt miterleben.

Schritt 9

Nun erzählen Sie in kurzen Worten etwas über sich. Es ist (im Falle unseres Beispielplots) uninteressant, wann Sie Abitur gemacht haben, ob Sie verheiratet sind oder gern Inline-Skates fahren. Interessant aber wäre zum Beispiel, dass Sie Ihre Abschlussarbeit an der Universität über die Hitlerjugend geschrieben haben, Sie selbst auf Wangerooge wohnen oder wohnten oder einen Großonkel haben, auf dessen Erzählungen Teile der Geschichte fußen (Ist dies der Fall, würde diese Anmerkung im Übrigen unter Umständen bereits an den Anfang gehören - nämlich dann, wenn es sich um die freie Nacherzählung einer wahren Begebenheit handelt). Wenn vorhanden, fügen Sie Ihre Veröffentlichungsliste bei. Ist diese sehr lang, wählen Sie für das Projekt sinnvolle Veröffentlichungen aus (Beispiel: Nicht sinnvoll wäre ein Buch über »Kartoffelsoßen, leicht gemacht«, sinnvoll wäre ein Jugendbuch, weil Sie sich in diesem Fall schon einmal in einen jugendlichen Protagonisten hinein versetzt haben).

Checkliste zum Exposé

  * Zuoberst (Beispiel): Exposé für einen Abenteuerroman im Ueberreuther-Verlag, Abteilung Kinderbuch, zu Händen Frau Adelheid Amselfeld
  * Arbeitstitel des Werkes
  * Konzeptionelle Gedanken: Genre, Zielgruppe (Alter und ggf. Status), Programmplatzierung, (unter Umständen: anvisierter Erscheinungstermin), ggf. Produktionszeitraum Ihrerseits (Wann kann das gesamte Werk geliefert werden?; Vergleiche hierzu auch ‘Erst schreiben oder erst anbieten’?)
  * Grobbestimmung: Umfang, Reihen- oder Einzeltitel? (Reihe möglich oder Reihe zwingend?), ggf. Anmerkungen zu notwendigen Illustrationen oder sonstigen Beigaben
  * Inhaltliches: Zeit & Ort, Erzählperspektive, Erzählweise sowie …
    - ein kurzer Abriss des Inhalts (ähnlich einem guten (!) Klappentext)
    - eine Übersicht über die wichtigsten Figuren inklusive Kurzcharakteristik und ihrer ‘Reise’ während des Buches
    - einen Abriss aller Kapitel in kurzen (!) Stichpunkten oder Sätzen
    - eine Leseprobe (wenn sinnvoll möglichst das erste Kapitel)
  * zur Person des Autors: Name und Anschrift (am besten in nicht allzu aufdringlichen einer Kopf- oder Fußzeile auf jeder Seite); am Ende des Exposés: Veröffentlichungsliste (ggf. in auf das vorgestellte Projekt zugeschnittener Auswahl), Kurz(!)vita des Autors (in auf das Projekt zugeschnittener Auswahl)

© Momo Evers
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Dann stöbern Sie gern hier (Was wir im Haus der Sprache für Sie tun können), hier (der Exposé-Kurs bei akademie.de) oder bei Andreas Eschbach, der die Antworten auf viele Fragen rund um das Autorendasein hervorragend auf den Punkt bringt.